Kategorie: guten tag
Katharina Brosch (†2026)

In dankbarer Erinnerung an
Katharina Brosch
(*5. Nov. 1961 † 15. Aug. 2026)
Pflegedienstleiterin des Competent Pflegedienstes in Leipzig
Eine bemerkenswerte Frau, der ich in großer Dankbarkeit gedenke.
Katharina Brosch hat nicht nur meinen Vater mit großer fachlicher und menschlicher Kompetenz begleitet und ihm ermöglicht, im gesegneten Alter von 95 Jahren friedlich und würdevoll aus diesem Leben zu gehen. Sie hat auch mir gezeigt, was gute Pflege im eigentlichen Sinne bedeutet: den Menschen nicht allein in seiner Pflegebedürftigkeit zu sehen, sondern ihn in seiner ganzen Persönlichkeit wahrzunehmen – mit seinen Ängsten, seinen Bedürfnissen, seinen Erinnerungen und seiner Würde. Von ihr habe ich gelernt, wie wichtig es ist, einem pflegebedürftigen Menschen nicht nur körperlich zu helfen, sondern ihm auch psychologisch und menschlich zu begegnen. Ihre Haltung, ihre Erfahrung und ihre besondere Nähe zu den Menschen haben mich nachhaltig geprägt. Katharina Brosch hat ihr berufliches Leben in den Dienst pflegebedürftiger Menschen gestellt. Sie hat sich ihnen mit großer Hingabe gewidmet und dabei vielen Menschen ein Stück Lebensqualität, Sicherheit und Würde bewahrt. Am 5. Oktober 2026 wurde sie auf dem Friedhof Taucha im Familiengrab beigesetzt. Sie wurde nur 64 Jahre alt.
Für ihren Einsatz für andere Menschen bleibt mir vor allem eines:
tiefe Dankbarkeit.
Galileo Galilei – “Discorsi” (Eine kurze Lesung)
Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend
(1638)
Eine sehr interessante Zusammenfassung zu Galileis Betrachtungen auf Basis einer 6-tätigen Unterredung mit Salviati (wahrscheinlich er selbst), Sagredo und Simplicio (Am Ende der kurzen Zusammenfassung findet ihr ein PDF aller drei Bücher)
Galilei und die Grenzen des Wachstums – Über Riesen, Zwerge und die Geometrie der Natur
Als moderne Fragestellung: Gab oder gibt es Riesen, wie wir sie aus Fabeln und alten Erzählungen kennen und wenn ja, warum, und wenn nein, warum nicht, bzw. warum nicht so?

Bildquelle
KI-generiert, italienische Erstausgabe
Als Galileo Galilei 1638 seine Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze veröffentlichte, ging es ihm zunächst keineswegs um die Frage, wie groß ein Mensch oder ein Tier werden könne. Sein Ausgangspunkt war die Mechanik. Er wollte verstehen, warum große Maschinen, Schiffe, Balken und Säulen nicht einfach vergrößerte Ausgaben kleinerer Konstruktionen sein können. Doch aus dieser zunächst technischen Fragestellung entwickelte er einen Gedanken von erstaunlicher Reichweite: Die Natur setzt dem Wachstum von Körpern mechanische Grenzen. Gerade diese Überlegung macht die Discorsi bis heute so faszinierend. Galileo verbindet darin Geometrie und Mechanik auf eine Weise, die unmittelbar auf die Gestalt lebender Wesen führt. Ein Körper kann nicht beliebig vergrößert werden, indem man einfach alle seine Abmessungen im gleichen Verhältnis vervielfacht. Denn Länge, Fläche und Volumen wachsen nicht gleich schnell. Galileo lässt seine Gesprächspartner zunächst über die Festigkeit von Balken und Säulen nachdenken. Ein kleiner Körper kann eine bestimmte Belastung aushalten. Wird er jedoch geometrisch vergrößert, wächst seine Tragfähigkeit nicht im gleichen Verhältnis wie seine Masse. Schon im ersten Gespräch wird die Erfahrung aus der praktischen Mechanik herangezogen, dass größere Konstruktionen besondere Verstärkungen benötigen. Sagredo beschreibt die verbreitete Vorstellung, dass geometrisch ähnliche Körper auch mechanisch entsprechend funktionieren müssten. Salviati führt dagegen vor, dass gerade diese Annahme in die Irre führt.
Der Grund dafür lässt sich heute sehr einfach mathematisch ausdrücken. Wird ein Körper in allen drei Dimensionen mit dem Faktor k vergrößert, dann wächst seine Länge mit k, seine Fläche aber mit k² und sein Volumen mit k³. Bei gleicher Dichte gilt dasselbe für seine Masse beziehungsweise sein Gewicht. Verzehnfacht man beispielsweise jede lineare Abmessung, so wird die tragende Querschnittsfläche hundertmal größer, das Volumen und damit das Gewicht jedoch tausendmal. Damit wächst die Belastung eines geometrisch ähnlichen Körpers schneller als seine Fähigkeit, diese Belastung zu tragen. Ein zehnmal so großer Körper ist also nicht einfach ein zehnmal stärkerer Körper. Gerade bei einem Lebewesen wird diese Tatsache entscheidend: Das Gewicht nimmt schneller zu als die tragenden Querschnitte von Knochen und anderen Strukturen. An diesem Punkt führt Galileo seine berühmten Beispiele aus der Tierwelt ein. Er beobachtet, dass ein Pferd, das aus einer Höhe von etwa drei oder vier Ellen fällt, sich die Beine brechen kann, während kleinere Tiere einen vergleichbaren oder sogar größeren Fall wesentlich besser überstehen können. Er nennt insbesondere die Katze, die nach seiner Darstellung einen Fall aus acht oder zehn Ellen ohne entsprechenden Schaden überstehen kann. Für Galileo ist dies kein Zufall. Das kleinere Tier ist im Verhältnis zu seinem Gewicht mechanisch günstiger gebaut. Wird ein Tier kleiner, nimmt seine Masse schneller ab als die Fläche seiner tragenden Strukturen. Ein halb so großes Tier besitzt nur ein Viertel der entsprechenden Querschnittsfläche, aber nur ein Achtel des Volumens und damit – bei gleicher Dichte – ein Achtel des Gewichts. Relativ zu seinem Gewicht besitzt es deshalb eine größere Tragfähigkeit.
Das Gegenteil geschieht beim Riesen. Galileo formuliert diesen Gedanken mit ungewöhnlich drastischen Beispielen. Er erklärt, dass die Natur kein Pferd hervorbringen könne, das die Größe von zwanzig gewöhnlichen Pferden besitze, wenn es dabei lediglich proportional vergrößert würde. Ebenso könne man sich keinen zehnfach größeren Menschen vorstellen, dessen Körper in allen Proportionen unverändert bliebe. Ein solcher Riese würde unter seinem eigenen Gewicht mechanisch an seine Grenzen stoßen. Gerade hier liegt eine der bemerkenswertesten Einsichten Galileos. Er sagt nicht einfach, dass ein zehnmal größerer Mensch unmöglich sei. Seine Aussage ist genauer: Ein zehnmal größerer Mensch kann nicht dieselben Proportionen besitzen wie der gewöhnliche Mensch. Seine Knochen müssten im Verhältnis zum übrigen Körper wesentlich stärker ausgebildet sein. Die bloße geometrische Vergrößerung würde nicht ausreichen. Damit verändert sich aber zwangsläufig die Gestalt des Körpers. Der Riese wäre kein vergrößerter Mensch mehr, sondern ein anders proportioniertes Wesen. Seine Knochen müssten dicker werden, seine tragenden Strukturen müssten anders gestaltet sein und seine gesamte Konstruktion müsste der größeren Belastung Rechnung tragen. Dasselbe Prinzip überträgt Galileo auf die Pflanzenwelt. Eine gewaltige Eiche könne nicht einfach dadurch entstehen, dass man eine kleine Eiche proportional vergrößert. Galileo spricht von einer Eiche von 200 Ellen Höhe und macht deutlich, dass ihre Äste und tragenden Teile bei unveränderten Proportionen nicht mehr dieselben mechanischen Bedingungen erfüllen könnten.
Damit wird aus einer Betrachtung über Balken und Säulen eine allgemeine Aussage über die Natur: Wachstum verändert nicht nur die Größe eines Körpers, sondern erzwingt unter bestimmten Bedingungen eine Veränderung seiner Form.
Dieser Gedanke ist vielleicht bedeutender als die berühmte Zahl vom zehnfachen Riesen selbst. Galileo entdeckt nicht lediglich, dass große Körper schwerer sind. Er erkennt, dass beim Wachstum verschiedene geometrische Größen mit verschiedenen Gesetzmäßigkeiten zunehmen. Die Länge wächst linear, die Fläche quadratisch und das Volumen kubisch. Genau daraus entsteht die mechanische Ungleichheit zwischen großen und kleinen Körpern. Der Zwerg und der Riese bilden deshalb bei Galileo zwei Seiten desselben Problems. Der kleine Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine größere Festigkeit; der große Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine geringere. Was beim Riesen zum Problem wird, wird beim Zwerg zum Vorteil. Diese Überlegung erklärt auch, warum die Natur tatsächlich Tiere sehr unterschiedlicher Größe hervorbringen kann, ohne dass Galileos Argument dadurch widerlegt wird. Ein Elefant ist schließlich kein vergrößerter Mensch und ein Wal kein vergrößerter Fisch gleicher Proportionen. Große Tiere müssen anders gebaut sein. Entscheidend ist daher nicht die absolute Größe, sondern das Verhältnis zwischen Größe, Gewicht und tragenden Strukturen. Galileos Gedanke lässt sich deshalb auf einen einfachen Satz bringen:
Die Natur kann einen Körper vergrößern, aber sie kann nicht alle seine Eigenschaften im gleichen Verhältnis mitvergrößern.
Das ist die eigentliche Bedeutung seiner Riesenpassage. Und gerade darin liegt die Modernität der Discorsi. Galileo betrachtet hier nicht mehr nur einzelne mechanische Apparate. Er entdeckt ein allgemeines Prinzip, das für Balken, Schiffe, Bäume und Tiere gleichermaßen gilt. Die Geometrie des Wachstums wird zur Grenze der mechanischen Möglichkeit.
Heute würden wir diesen Zusammenhang mit Potenzgesetzen beschreiben: Die tragende Fläche wächst wie L², das Volumen und damit bei gleicher Dichte die Masse wie L³. Galileo selbst formuliert dies noch nicht in dieser modernen algebraischen Sprache. Seine Argumentation ist geometrisch und mechanisch. Doch der Gedanke ist derselbe: Mit zunehmender Größe verschiebt sich das Verhältnis zwischen Tragfähigkeit und Gewicht. Deshalb ist Galileos Riese nicht einfach eine Kuriosität aus einem fast vierhundert Jahre alten Buch. Er ist ein Gedankenexperiment über eine fundamentale Eigenschaft unserer Welt. Ein Mensch kann nicht beliebig groß werden, indem man ihn einfach vergrößert. Ein Baum kann nicht beliebig hoch wachsen, ohne seine Architektur zu verändern. Ein Balken kann nicht beliebig verlängert werden, ohne seine Dimensionen anzupassen. Und umgekehrt zeigt der Zwerg, dass die Natur beim Kleinen einen mechanischen Vorteil besitzt.
Galileos eigentliche Entdeckung lautet damit nicht: „Riesen gibt es nicht.“ Sie lautet: Riesen können nicht nach den Proportionen von Zwergen gebaut sein. Oder, noch allgemeiner: Wo die Größe wächst, muss sich die Form anpassen.
Das ist der Kern der Riesen-und-Zwerge-Passage in Galileos Discorsi – und zugleich einer der erstaunlich modern wirkenden Gedanken seines gesamten Werkes.
Quellenlage
Primärquelle: Galileo Galilei, Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend, deutsche Übersetzung und Herausgabe Arthur von Oettingen, Leipzig 1891. Die bereitgestellte historische Ausgabe enthält die betreffende Passage im ersten Tag, S. 4–10.
Originalwerk: Galileo Galilei, Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze, Leiden, 1638. Die University of Virginia stellt eine vollständige Transkription der Crew/de-Salvio-Übersetzung bereit und ordnet die Riesenpassage dem ersten Tag, S. 1–4, zu.
Wissenschaftliche Einordnung: Michael Fowler, University of Virginia, „Scaling“, erläutert Galileos Argument anhand der Größenabhängigkeit von Fläche und Volumen.
Historische Einordnung: University of Oklahoma, „Discourse on Two New Sciences“, zur Bedeutung der Riesenpassage für Galileos Festigkeitslehre und die vergleichende Anatomie.
Wichtige Ergänzung: Galileo selbst behandelt später ausdrücklich den Einwand der riesigen Fische und erklärt, wie große Tiere durch veränderte Konstruktion bzw. geringere effektive Belastung möglich werden.
Besonders bemerkenswert finde ich dabei: Galileo hat hier nicht einfach das banale Prinzip „große Dinge sind schwerer“ formuliert. Er hat erkannt, dass beim Wachstum die drei Dimensionen gemeinsam wachsen, aber die mechanisch entscheidenden Größen mit unterschiedlichen Potenzen. Genau daraus entsteht die ganze Geschichte von Riese, Zwerg, Elefant, Maus, Baum und Balken.
© Casus. 2026
«Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg»
Offener Brief von US-Ökonom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz
Der folgende Offene Brief stammt aus DIE WELTWOCHE vom 29.05.2026, die ihn der Berliner Zeitung entnahm.
(Der Zeitungsartikel hier als PDF zum download)
(Zitat)
Dies ist ein offener Brief von US-Geostratege Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University. Wir dokumentieren ihn im Wortlaut. Er erschien zuerst in der Berliner Zeitung.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris noch in Warschau noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?
«Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg»: Offener Brief von US-Ökonom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz
Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Präsident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als «ein europäisches Land». Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt. Angesichts der Zukunft Europas, die auf dem Spiel steht, ist dies ein beispielloser Verzicht auf Ihre Führungsrolle. Haben Sie in Ihrer Zeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Präsident Putin versucht? Hat Ihr Aussenminister jemals einen substanziellen Dialog mit Aussenminister Lawrow versucht? Echte Gespräche, so wie jene, die den Kalten Krieg beendeten? Soweit die öffentlichen Aufzeichnungen belegen, lautet die Antwort: Nein. Nicht ein einziges Mal. Und nicht etwa, weil die Dringlichkeit nicht erkannt worden wäre. Die vergangenen Tage haben eine gefährliche Eskalation mit sich gebracht, die alle Europäer aufrütteln sollte. Beide Hauptstädte stehen nun unter anhaltendem Beschuss: Ukrainische Langstreckendrohnen haben tief in Moskau eingeschlagen, darunter auch zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew haben sich massiv verstärkt. Ukrainische Drohnen sind in den Luftraum der baltischen Staaten eingedrungen und haben damit die unmittelbare Gefahr eines Zwischenfalls geweckt, der Europa direkt in den Krieg hineinziehen könnte. Ein entsetzlicher ukrainischer Angriff auf eine Jungenschule in Luhansk hat die letzten Reste der Zurückhaltung weiter untergraben. Am 25. Mai informierte Aussenminister Sergej Lawrow auf Anweisung von Präsident Putin den US-Aussenminister offiziell darüber, dass die russischen Streitkräfte nun «systematische und anhaltende Angriffe» auf Einrichtungen und Entscheidungszentren in Kiew durchführen. Das russische Aussenministerium riet den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, «die Evakuierung ihres diplomatischen Personals und ihrer Staatsbürger aus der ukrainischen Hauptstadt sicherzustellen». Diese Nachricht ist der Auftakt zu einer massiven Eskalation. Diplomatie ist dringender denn je.
Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die für alle Parteien akzeptabel sind. Stattdessen droht uns eine Eskalation mit noch mehr Toten, noch mehr Zerstörung und der realen Gefahr eines Krieges, der sich über die Ukraine hinaus ausweitet. Indem Sie immer mehr Waffen, immer grössere Kriegskapazitäten und immer lautere Demonstrationen von «Entschlossenheit» fordern und signalisieren, dass Deutschland sich auf einen Krieg vorbereitet, anstatt an dessen
Beendigung zu arbeiten, haben Sie Berlin zum Beschleuniger statt zur Bremse eines europaweiten Krieges gemacht.
Deutschlands Verantwortung: Sechs Punkte
Deutschland trägt eine erhebliche Verantwortung für die gegenwärtige Situation. Bevor die deutsche Politik auf Frieden ausgerichtet werden kann, muss Deutschlands Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden. Im Folgenden führe ich sechs schwerwiegende Versäumnisse der deutschen Aussenpolitik gegenüber Russland seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 auf.
Erstens – der Zwei-plus-vier-Vertrag und die Osterweiterung der Nato
Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag über die endgültige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands – den Zwei-plus-vier-Vertrag –, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die Nato nicht nach Osten expandieren würde. Die freigegebenen Akten – darunter die nun öffentlich zugänglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University – sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, über das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekräftigt. Der Zwei-plus-vier-Vertrag beschränkt die Stationierung von Nato-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber Nato-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichgültig gegenüberstand? Natürlich nicht. Die Nato-Erweiterung wurde ausführlich erörtert, und Deutschland gab der sowjetischen Führung ausdrückliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern – und brach diese später. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung für die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen.
Zweitens – Bundeskanzlerin Merkels eigene Aussage
In ihren Memoiren schreibt Angela Merkel mit bemerkenswerter Offenheit, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass die Einladung der Ukraine und Georgiens in die Nato einer Kriegserklärung an Russland gleichkäme. Sie kannte Russlands rote Linie. Und dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Kompromisserklärung, wonach die Ukraine und Georgien irgendwann Nato-Mitglieder «werden können». Dieser eine Satz setzte die Katastrophen von 2014 und 2022 in Gang. Merkels spätere Offenheit ist ein Geschenk an ihre Nachfolger: Sie hat Ihnen klar und deutlich gesagt, was damals klar war. Deutschland sollte jetzt nicht so tun, als ob nicht.
Drittens – der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014
Am 21. Februar 2014 vermittelte der damalige deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew gemeinsam mit seinen polnischen und französischen Amtskollegen ein Abkommen zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition. Das Abkommen sah die Wiedereinführung der Verfassung von 2004, die Bildung einer nationalen Einheitsregierung und vorgezogene Präsidentschaftswahlen vor. Präsident Putin wurde konsultiert; das Abkommen wurde bestätigt. Es war ein bedeutender diplomatischer Erfolg in einer Situation heftiger Spannungen und offener Gewalt. Doch innerhalb von 24 Stunden wurde Janukowitsch durch einen gewaltsamen Putsch gestürzt. Deutschland bestand nicht auf dem Abkommen, das es gerade noch garantiert hatte. Stattdessen unterstützte Deutschland, dem Beispiel der USA folgend die neue Regierung, als ob es nie ein Abkommen gegeben hätte. Diese Entscheidung bestärkte Moskau in der Annahme, dass westlichen Unterschriften nicht zu trauen sei.
Viertens – Minsk II
Im Februar 2015 verhandelte Bundeskanzlerin Merkel persönlich das Minsker Abkommen II im Normandie-Format und sicherte in der am 12. Februar 2015 in Minsk verabschiedeten Unterstützungserklärung Deutschlands politische Unterstützung zu. Sieben Jahre lang wurde die zentrale politische Bestimmung – die Autonomie der Donbass-Regionen innerhalb einer souveränen Ukraine – von Kiew nicht umgesetzt. Deutschland übte keinen Druck auf Kiew aus, die von ihm
selbst geforderte Autonomiebestimmung umzusetzen. Merkel räumte später ein, dass das Abkommen als Druckmittel genutzt worden war, um der Ukraine die Wiederbewaffnung zu ermöglichen. Präsident Hollande äusserte sich ähnlich. Die Garantie war also in Wirklichkeit keine Garantie. Sie war eine Strategie – wiederum auf Geheiss Washingtons. Wieder einmal lautete die Botschaft an Moskau: Westlichen Unterschriften kann man nicht trauen.
Fünftens – Nord Stream
Am 7. Februar 2022 verkündete Präsident Biden im East Room des Weissen Hauses – in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz: «Wenn Russland (in der Ukraine) einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.» Auf die Frage nach dem Wie antwortete er: «Ich verspreche Ihnen, wir werden dazu in der Lage sein.» Sieben Monate später wurden die Pipelines durch einen Sabotageakt in der Ostsee zerstört. Die vorliegenden Beweise – investigative Recherchen in den USA und Deutschland, die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und öffentliche Aussagen ehemaliger Beamter – deuten überwältigend auf eine gemeinsame ukrainisch-amerikanische Operation hin. Die deutsche Bundesregierung wusste dies schon lange. Und dennoch hat Deutschland zugelassen, dass die öffentliche Schuld entgegen den eindeutigen Beweisen Russland zugeschoben wird, während ein Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft ungestraft und unbeantwortet blieb.
Sechstens – das Istanbul-Abkommen vom April 2022, das zum Greifen nah war
Nur wenige Wochen nach Russlands Invasion im Februar 2022 trafen sich russische und ukrainische Unterhändler in Istanbul, um die Bedingungen eines Friedensabkommens auszuhandeln: Neutralität der Ukraine ausserhalb der Nato, multilaterale Sicherheitsgarantien, vereinbarte Truppenbegrenzungen und die schrittweise politische Lösung der Donbass- und Krim-Frage. Das Abkommen stand kurz vor der Unterzeichnung. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett, einer der Vermittler, bestätigte öffentlich, dass die Einigung kurz bevorstand und dass der Westen – insbesondere die Vereinigten Staaten und Grossbritannien – versucht hatte, sie zu verhindern. Die Mission von Premierminister Boris Johnson nach Kiew im April 2022, um die Ukraine anzuweisen, das Abkommen
nicht zu unterzeichnen, ist aktenkundig. Hunderttausende ukrainische und russische Menschenleben sowie die gesamte europäische Ordnung haben den Preis für diese US-amerikanisch-britische Intervention bezahlt. Deutschland hat dazu geschwiegen – obwohl Deutschland wie kein anderes europäisches Land die wirtschaftlichen Folgen zu tragen hatte.
Deutschlands wirtschaftliche Selbstzerstörung
Ihre oberste Priorität muss der Frieden sein. Die aktuellen Nachrichten aus Moskau verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage. Doch parallel zur ersten Katastrophe bahnt sich eine zweite an: die vorsätzliche Zerstörung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist. Deutschlands Industrie basierte auf dem Handel mit Russland. Die Zerstörung von Nord Stream und der darauffolgende Abbruch der deutsch-russischen Handelsbeziehungen haben dazu geführt, dass Deutschland Erdgas aus den USA zu Preisen kauft, die um ein Vielfaches höher sind als die Preise des russischen Pipelinegases, welches es ersetzt. Dies ist industrieller Selbstmord. Deutschlands Chemieindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie, energieintensive Hersteller – das Fundament des Mittelstands – verlieren Tag für Tag an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Qualifizierte Arbeitsplätze verschwinden aus der deutschen Wirtschaft. Und der deutsche Steuerzahler und der deutsche Verbraucher transferieren nationales Vermögen in einem in der Nachkriegszeit Europas beispiellosen Ausmass von Deutschland zu amerikanischen Gasproduzenten. Darüber hinaus plant die Bundesregierung nun einen massiven Rüstungsausbau – Hunderte von Milliarden Euro im kommenden Jahrzehnt –, um sich für einen Krieg zu rüsten, der durch Diplomatie leicht hätte verhindert werden können. Dies ist eine eklatante Fehlallokation nationaler Ressourcen. Die zentrale Herausforderung für Deutschland in diesem Jahrzehnt ist die Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter. Jeder Euro, der für Panzer, Raketen und Artilleriegranaten ausgegeben wird, fehlt Deutschlands KI-Kapazitäten, seine Chipentwicklung und -fertigung, seine Energieinfrastruktur und die Hochgeschwindigkeits-Digitalnetze, die es benötigt, um eine führende Wirtschaftsmacht zu bleiben. Die bittere Realität, Herr Bundeskanzler, ist: Mit diesen Waffen lässt sich jene Sicherheit nicht erkaufen, die durch Diplomatie zu einem Bruchteil der Kosten erreicht werden könnte. Und ohne die
Investitionen in Digitalisierung und Energie, die durch diese Aufrüstung verdrängt werden, ist kein Wohlstand zu erzielen.
Mein Appell: Herr Bundeskanzler, mehr als jeder andere europäische Staats- und Regierungschef sind Sie gefragt, wenn es darum geht, ob Europa in einen allgemeinen Krieg abgleitet oder zu Verhandlungen und wirtschaftlicher Vernunft zurückkehrt. Es ist höchste Zeit zu handeln. Die aktuelle offizielle Botschaft Moskaus an Washington belegt dies eindeutig. Bitte nehmen Sie den Dialog mit Präsident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Aussenminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Aussenminister nach Berlin ein. Bitte öffnen Sie die OSZE-Kanäle wieder, die Deutschland verkümmern liess. Bitte fordern Sie Kiew auf, die Angriffe auf zivile Ziele einzustellen.
Vor allem aber: Sagen Sie der deutschen Öffentlichkeit die Wahrheit. Ein auf der Neutralität der Ukraine basierender Verhandlungsfrieden ist der realistische Weg aus der Katastrophe, und die Wiederherstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ist der realistische Weg aus dem industriellen Niedergang Deutschlands. Die Bedingungen eines akzeptablen Abkommens, das Deutschland vorschlagen könnte, sind klar: Die Kämpfe werden an einer Waffenstillstandslinie eingestellt. Alle Seiten verzichten auf jegliche zukünftige Gewaltanwendung in Grenzfragen. Die Ukraine stellt ihre Neutralität wieder her, die Nato verzichtet dauerhaft auf eine weitere Osterweiterung. Europa und Russland nehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder auf und beenden die Kriegstreiberei. Die OSZE wird wieder zum zentralen Forum für europäische Sicherheit, mit dem Grundsatz, dass europäische Sicherheit unteilbar ist und nicht auf militärischen Blöcken beruht, die Europa spalten. In einem solchen Szenario des Friedens kann Deutschland seine nationalen Ressourcen auf die Investitionen in Digitalisierung, KI, Halbleiter und Energie konzentrieren, die Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erfordert.
Die Geschichte wird sich daran erinnern, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Dasselbe gilt für die deutsche Öffentlichkeit, die Völker Russlands, der Ukraine und ganz Europas. Es ist Zeit für Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Sie haben die Wahl.
Hochachtungsvoll
Jeffrey D. Sachs,
Professor an der Columbia University
(Zitatende)
© Casus. 2026
SOS auf El Amal – Haben will?

Das Büchlein ist professionell gedruckt und in einem Softcover gebunden, dort, wo angebracht “in Farbe”.
Bei Interesse geb ich es für einen Zehner zugunsten der Straßenkinder an euch weiter. Muss es verschickt werden, dann ist das Porto halt inklusive.
Einverstanden?
Wenn Ja, schickt eine e-mail (mailto:le.casus@gmail.com) oder klickt unten WhatsApp an und schreibt oder drückt auf LIKE, dann bekommt ihr bei jedem neuen Beitrag eine automatische Info, die ihr jederzeit natürlich wieder abstellen könnt. Egal wie, wenn ich eure Nachricht bekomme, dann Name und Adresse da rein. Ich schicke zeitnah zu.
Die Hefte sind eingeschweißt, ich lege ein Kärtchen mit der Seriennummer bei, die könnt ihr ins Heft übernehmen. Wer eine kurze Widmung haben möchte… dessen Büchlein muss ich dann halt vorsichtig öffnen.
Leseprobe Kapitel 1 und 2 von 22: https://ccasus.wordpress.de/wp-content/uploads/2026/06/sos-auf-el-amal_leseprobe.pdf
Gufundme, wenn ihr das Projekt unterstützen und davon profitieren möchtet: https://gofund.me/041a3233a
Für alle anderen Fragen, Anregungen oder Kritiken, nur zu, ich bin dabei.
© Casus. 2026

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.