Kategorie: guten tag

Galileo Galilei – “Discorsi” (Eine kurze Lesung)

Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend
(1638)

Eine sehr interessante Zusammenfassung zu Galileis Betrachtungen auf Basis einer 6-tätigen Unterredung mit Salviati (wahrscheinlich er selbst), Sagredo und Simplicio (Am Ende der kurzen Zusammenfassung findet ihr ein PDF aller drei Bücher)

Galilei und die Grenzen des Wachstums – Über Riesen, Zwerge und die Geometrie der Natur
Als moderne Fragestellung: Gab oder gibt es Riesen, wie wir sie aus Fabeln und alten Erzählungen kennen und wenn ja, warum, und wenn nein, warum nicht, bzw. warum nicht so?

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KI-generiert, italienische Erstausgabe

Als Galileo Galilei 1638 seine Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze veröffentlichte, ging es ihm zunächst keineswegs um die Frage, wie groß ein Mensch oder ein Tier werden könne. Sein Ausgangspunkt war die Mechanik. Er wollte verstehen, warum große Maschinen, Schiffe, Balken und Säulen nicht einfach vergrößerte Ausgaben kleinerer Konstruktionen sein können. Doch aus dieser zunächst technischen Fragestellung entwickelte er einen Gedanken von erstaunlicher Reichweite: Die Natur setzt dem Wachstum von Körpern mechanische Grenzen. Gerade diese Überlegung macht die Discorsi bis heute so faszinierend. Galileo verbindet darin Geometrie und Mechanik auf eine Weise, die unmittelbar auf die Gestalt lebender Wesen führt. Ein Körper kann nicht beliebig vergrößert werden, indem man einfach alle seine Abmessungen im gleichen Verhältnis vervielfacht. Denn Länge, Fläche und Volumen wachsen nicht gleich schnell. Galileo lässt seine Gesprächspartner zunächst über die Festigkeit von Balken und Säulen nachdenken. Ein kleiner Körper kann eine bestimmte Belastung aushalten. Wird er jedoch geometrisch vergrößert, wächst seine Tragfähigkeit nicht im gleichen Verhältnis wie seine Masse. Schon im ersten Gespräch wird die Erfahrung aus der praktischen Mechanik herangezogen, dass größere Konstruktionen besondere Verstärkungen benötigen. Sagredo beschreibt die verbreitete Vorstellung, dass geometrisch ähnliche Körper auch mechanisch entsprechend funktionieren müssten. Salviati führt dagegen vor, dass gerade diese Annahme in die Irre führt.

Der Grund dafür lässt sich heute sehr einfach mathematisch ausdrücken. Wird ein Körper in allen drei Dimensionen mit dem Faktor k vergrößert, dann wächst seine Länge mit k, seine Fläche aber mit k² und sein Volumen mit k³. Bei gleicher Dichte gilt dasselbe für seine Masse beziehungsweise sein Gewicht. Verzehnfacht man beispielsweise jede lineare Abmessung, so wird die tragende Querschnittsfläche hundertmal größer, das Volumen und damit das Gewicht jedoch tausendmal. Damit wächst die Belastung eines geometrisch ähnlichen Körpers schneller als seine Fähigkeit, diese Belastung zu tragen. Ein zehnmal so großer Körper ist also nicht einfach ein zehnmal stärkerer Körper. Gerade bei einem Lebewesen wird diese Tatsache entscheidend: Das Gewicht nimmt schneller zu als die tragenden Querschnitte von Knochen und anderen Strukturen. An diesem Punkt führt Galileo seine berühmten Beispiele aus der Tierwelt ein. Er beobachtet, dass ein Pferd, das aus einer Höhe von etwa drei oder vier Ellen fällt, sich die Beine brechen kann, während kleinere Tiere einen vergleichbaren oder sogar größeren Fall wesentlich besser überstehen können. Er nennt insbesondere die Katze, die nach seiner Darstellung einen Fall aus acht oder zehn Ellen ohne entsprechenden Schaden überstehen kann. Für Galileo ist dies kein Zufall. Das kleinere Tier ist im Verhältnis zu seinem Gewicht mechanisch günstiger gebaut. Wird ein Tier kleiner, nimmt seine Masse schneller ab als die Fläche seiner tragenden Strukturen. Ein halb so großes Tier besitzt nur ein Viertel der entsprechenden Querschnittsfläche, aber nur ein Achtel des Volumens und damit – bei gleicher Dichte – ein Achtel des Gewichts. Relativ zu seinem Gewicht besitzt es deshalb eine größere Tragfähigkeit.

Das Gegenteil geschieht beim Riesen. Galileo formuliert diesen Gedanken mit ungewöhnlich drastischen Beispielen. Er erklärt, dass die Natur kein Pferd hervorbringen könne, das die Größe von zwanzig gewöhnlichen Pferden besitze, wenn es dabei lediglich proportional vergrößert würde. Ebenso könne man sich keinen zehnfach größeren Menschen vorstellen, dessen Körper in allen Proportionen unverändert bliebe. Ein solcher Riese würde unter seinem eigenen Gewicht mechanisch an seine Grenzen stoßen. Gerade hier liegt eine der bemerkenswertesten Einsichten Galileos. Er sagt nicht einfach, dass ein zehnmal größerer Mensch unmöglich sei. Seine Aussage ist genauer: Ein zehnmal größerer Mensch kann nicht dieselben Proportionen besitzen wie der gewöhnliche Mensch. Seine Knochen müssten im Verhältnis zum übrigen Körper wesentlich stärker ausgebildet sein. Die bloße geometrische Vergrößerung würde nicht ausreichen. Damit verändert sich aber zwangsläufig die Gestalt des Körpers. Der Riese wäre kein vergrößerter Mensch mehr, sondern ein anders proportioniertes Wesen. Seine Knochen müssten dicker werden, seine tragenden Strukturen müssten anders gestaltet sein und seine gesamte Konstruktion müsste der größeren Belastung Rechnung tragen. Dasselbe Prinzip überträgt Galileo auf die Pflanzenwelt. Eine gewaltige Eiche könne nicht einfach dadurch entstehen, dass man eine kleine Eiche proportional vergrößert. Galileo spricht von einer Eiche von 200 Ellen Höhe und macht deutlich, dass ihre Äste und tragenden Teile bei unveränderten Proportionen nicht mehr dieselben mechanischen Bedingungen erfüllen könnten.

Damit wird aus einer Betrachtung über Balken und Säulen eine allgemeine Aussage über die Natur: Wachstum verändert nicht nur die Größe eines Körpers, sondern erzwingt unter bestimmten Bedingungen eine Veränderung seiner Form.

Dieser Gedanke ist vielleicht bedeutender als die berühmte Zahl vom zehnfachen Riesen selbst. Galileo entdeckt nicht lediglich, dass große Körper schwerer sind. Er erkennt, dass beim Wachstum verschiedene geometrische Größen mit verschiedenen Gesetzmäßigkeiten zunehmen. Die Länge wächst linear, die Fläche quadratisch und das Volumen kubisch. Genau daraus entsteht die mechanische Ungleichheit zwischen großen und kleinen Körpern. Der Zwerg und der Riese bilden deshalb bei Galileo zwei Seiten desselben Problems. Der kleine Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine größere Festigkeit; der große Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine geringere. Was beim Riesen zum Problem wird, wird beim Zwerg zum Vorteil. Diese Überlegung erklärt auch, warum die Natur tatsächlich Tiere sehr unterschiedlicher Größe hervorbringen kann, ohne dass Galileos Argument dadurch widerlegt wird. Ein Elefant ist schließlich kein vergrößerter Mensch und ein Wal kein vergrößerter Fisch gleicher Proportionen. Große Tiere müssen anders gebaut sein. Entscheidend ist daher nicht die absolute Größe, sondern das Verhältnis zwischen Größe, Gewicht und tragenden Strukturen. Galileos Gedanke lässt sich deshalb auf einen einfachen Satz bringen:

Die Natur kann einen Körper vergrößern, aber sie kann nicht alle seine Eigenschaften im gleichen Verhältnis mitvergrößern.

Das ist die eigentliche Bedeutung seiner Riesenpassage. Und gerade darin liegt die Modernität der Discorsi. Galileo betrachtet hier nicht mehr nur einzelne mechanische Apparate. Er entdeckt ein allgemeines Prinzip, das für Balken, Schiffe, Bäume und Tiere gleichermaßen gilt. Die Geometrie des Wachstums wird zur Grenze der mechanischen Möglichkeit.

Heute würden wir diesen Zusammenhang mit Potenzgesetzen beschreiben: Die tragende Fläche wächst wie L², das Volumen und damit bei gleicher Dichte die Masse wie L³. Galileo selbst formuliert dies noch nicht in dieser modernen algebraischen Sprache. Seine Argumentation ist geometrisch und mechanisch. Doch der Gedanke ist derselbe: Mit zunehmender Größe verschiebt sich das Verhältnis zwischen Tragfähigkeit und Gewicht. Deshalb ist Galileos Riese nicht einfach eine Kuriosität aus einem fast vierhundert Jahre alten Buch. Er ist ein Gedankenexperiment über eine fundamentale Eigenschaft unserer Welt. Ein Mensch kann nicht beliebig groß werden, indem man ihn einfach vergrößert. Ein Baum kann nicht beliebig hoch wachsen, ohne seine Architektur zu verändern. Ein Balken kann nicht beliebig verlängert werden, ohne seine Dimensionen anzupassen. Und umgekehrt zeigt der Zwerg, dass die Natur beim Kleinen einen mechanischen Vorteil besitzt.

Galileos eigentliche Entdeckung lautet damit nicht: „Riesen gibt es nicht.“ Sie lautet: Riesen können nicht nach den Proportionen von Zwergen gebaut sein. Oder, noch allgemeiner: Wo die Größe wächst, muss sich die Form anpassen.

Das ist der Kern der Riesen-und-Zwerge-Passage in Galileos Discorsi – und zugleich einer der erstaunlich modern wirkenden Gedanken seines gesamten Werkes.


Quellenlage

Primärquelle: Galileo Galilei, Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend, deutsche Übersetzung und Herausgabe Arthur von Oettingen, Leipzig 1891. Die bereitgestellte historische Ausgabe enthält die betreffende Passage im ersten Tag, S. 4–10.

Originalwerk: Galileo Galilei, Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze, Leiden, 1638. Die University of Virginia stellt eine vollständige Transkription der Crew/de-Salvio-Übersetzung bereit und ordnet die Riesenpassage dem ersten Tag, S. 1–4, zu.

Wissenschaftliche Einordnung: Michael Fowler, University of Virginia, „Scaling“, erläutert Galileos Argument anhand der Größenabhängigkeit von Fläche und Volumen.

Historische Einordnung: University of Oklahoma, „Discourse on Two New Sciences“, zur Bedeutung der Riesenpassage für Galileos Festigkeitslehre und die vergleichende Anatomie.

Wichtige Ergänzung: Galileo selbst behandelt später ausdrücklich den Einwand der riesigen Fische und erklärt, wie große Tiere durch veränderte Konstruktion bzw. geringere effektive Belastung möglich werden.

Besonders bemerkenswert finde ich dabei: Galileo hat hier nicht einfach das banale Prinzip „große Dinge sind schwerer“ formuliert. Er hat erkannt, dass beim Wachstum die drei Dimensionen gemeinsam wachsen, aber die mechanisch entscheidenden Größen mit unterschiedlichen Potenzen. Genau daraus entsteht die ganze Geschichte von Riese, Zwerg, Elefant, Maus, Baum und Balken.

© Casus. 2026

«Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg»

Offener Brief von US-Ökonom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz

Der folgende Offene Brief stammt aus DIE WELTWOCHE vom 29.05.2026, die ihn der Berliner Zeitung entnahm.

(Der Zeitungsartikel hier als PDF zum download)

(Zitat)
Dies ist ein offener Brief von US-Geostratege Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University. Wir dokumentieren ihn im Wortlaut. Er erschien zuerst in der Berliner Zeitung.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,

als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris noch in Warschau noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?
«Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg»: Offener Brief von US-Ökonom Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz
Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Präsident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als «ein europäisches Land». Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt. Angesichts der Zukunft Europas, die auf dem Spiel steht, ist dies ein beispielloser Verzicht auf Ihre Führungsrolle. Haben Sie in Ihrer Zeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Präsident Putin versucht? Hat Ihr Aussenminister jemals einen substanziellen Dialog mit Aussenminister Lawrow versucht? Echte Gespräche, so wie jene, die den Kalten Krieg beendeten? Soweit die öffentlichen Aufzeichnungen belegen, lautet die Antwort: Nein. Nicht ein einziges Mal. Und nicht etwa, weil die Dringlichkeit nicht erkannt worden wäre. Die vergangenen Tage haben eine gefährliche Eskalation mit sich gebracht, die alle Europäer aufrütteln sollte. Beide Hauptstädte stehen nun unter anhaltendem Beschuss: Ukrainische Langstreckendrohnen haben tief in Moskau eingeschlagen, darunter auch zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew haben sich massiv verstärkt. Ukrainische Drohnen sind in den Luftraum der baltischen Staaten eingedrungen und haben damit die unmittelbare Gefahr eines Zwischenfalls geweckt, der Europa direkt in den Krieg hineinziehen könnte. Ein entsetzlicher ukrainischer Angriff auf eine Jungenschule in Luhansk hat die letzten Reste der Zurückhaltung weiter untergraben. Am 25. Mai informierte Aussenminister Sergej Lawrow auf Anweisung von Präsident Putin den US-Aussenminister offiziell darüber, dass die russischen Streitkräfte nun «systematische und anhaltende Angriffe» auf Einrichtungen und Entscheidungszentren in Kiew durchführen. Das russische Aussenministerium riet den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, «die Evakuierung ihres diplomatischen Personals und ihrer Staatsbürger aus der ukrainischen Hauptstadt sicherzustellen». Diese Nachricht ist der Auftakt zu einer massiven Eskalation. Diplomatie ist dringender denn je.
Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die für alle Parteien akzeptabel sind. Stattdessen droht uns eine Eskalation mit noch mehr Toten, noch mehr Zerstörung und der realen Gefahr eines Krieges, der sich über die Ukraine hinaus ausweitet. Indem Sie immer mehr Waffen, immer grössere Kriegskapazitäten und immer lautere Demonstrationen von «Entschlossenheit» fordern und signalisieren, dass Deutschland sich auf einen Krieg vorbereitet, anstatt an dessen
Beendigung zu arbeiten, haben Sie Berlin zum Beschleuniger statt zur Bremse eines europaweiten Krieges gemacht.

Deutschlands Verantwortung: Sechs Punkte

Deutschland trägt eine erhebliche Verantwortung für die gegenwärtige Situation. Bevor die deutsche Politik auf Frieden ausgerichtet werden kann, muss Deutschlands Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden. Im Folgenden führe ich sechs schwerwiegende Versäumnisse der deutschen Aussenpolitik gegenüber Russland seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 auf.

Erstens – der Zwei-plus-vier-Vertrag und die Osterweiterung der Nato

Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag über die endgültige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands – den Zwei-plus-vier-Vertrag –, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die Nato nicht nach Osten expandieren würde. Die freigegebenen Akten – darunter die nun öffentlich zugänglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University – sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, über das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekräftigt. Der Zwei-plus-vier-Vertrag beschränkt die Stationierung von Nato-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber Nato-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichgültig gegenüberstand? Natürlich nicht. Die Nato-Erweiterung wurde ausführlich erörtert, und Deutschland gab der sowjetischen Führung ausdrückliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern – und brach diese später. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung für die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen.

Zweitens – Bundeskanzlerin Merkels eigene Aussage

In ihren Memoiren schreibt Angela Merkel mit bemerkenswerter Offenheit, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass die Einladung der Ukraine und Georgiens in die Nato einer Kriegserklärung an Russland gleichkäme. Sie kannte Russlands rote Linie. Und dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Kompromisserklärung, wonach die Ukraine und Georgien irgendwann Nato-Mitglieder «werden können». Dieser eine Satz setzte die Katastrophen von 2014 und 2022 in Gang. Merkels spätere Offenheit ist ein Geschenk an ihre Nachfolger: Sie hat Ihnen klar und deutlich gesagt, was damals klar war. Deutschland sollte jetzt nicht so tun, als ob nicht.

Drittens – der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014

Am 21. Februar 2014 vermittelte der damalige deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew gemeinsam mit seinen polnischen und französischen Amtskollegen ein Abkommen zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition. Das Abkommen sah die Wiedereinführung der Verfassung von 2004, die Bildung einer nationalen Einheitsregierung und vorgezogene Präsidentschaftswahlen vor. Präsident Putin wurde konsultiert; das Abkommen wurde bestätigt. Es war ein bedeutender diplomatischer Erfolg in einer Situation heftiger Spannungen und offener Gewalt. Doch innerhalb von 24 Stunden wurde Janukowitsch durch einen gewaltsamen Putsch gestürzt. Deutschland bestand nicht auf dem Abkommen, das es gerade noch garantiert hatte. Stattdessen unterstützte Deutschland, dem Beispiel der USA folgend die neue Regierung, als ob es nie ein Abkommen gegeben hätte. Diese Entscheidung bestärkte Moskau in der Annahme, dass westlichen Unterschriften nicht zu trauen sei.

Viertens – Minsk II

Im Februar 2015 verhandelte Bundeskanzlerin Merkel persönlich das Minsker Abkommen II im Normandie-Format und sicherte in der am 12. Februar 2015 in Minsk verabschiedeten Unterstützungserklärung Deutschlands politische Unterstützung zu. Sieben Jahre lang wurde die zentrale politische Bestimmung – die Autonomie der Donbass-Regionen innerhalb einer souveränen Ukraine – von Kiew nicht umgesetzt. Deutschland übte keinen Druck auf Kiew aus, die von ihm
selbst geforderte Autonomiebestimmung umzusetzen. Merkel räumte später ein, dass das Abkommen als Druckmittel genutzt worden war, um der Ukraine die Wiederbewaffnung zu ermöglichen. Präsident Hollande äusserte sich ähnlich. Die Garantie war also in Wirklichkeit keine Garantie. Sie war eine Strategie – wiederum auf Geheiss Washingtons. Wieder einmal lautete die Botschaft an Moskau: Westlichen Unterschriften kann man nicht trauen.

Fünftens – Nord Stream

Am 7. Februar 2022 verkündete Präsident Biden im East Room des Weissen Hauses – in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz: «Wenn Russland (in der Ukraine) einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.» Auf die Frage nach dem Wie antwortete er: «Ich verspreche Ihnen, wir werden dazu in der Lage sein.» Sieben Monate später wurden die Pipelines durch einen Sabotageakt in der Ostsee zerstört. Die vorliegenden Beweise – investigative Recherchen in den USA und Deutschland, die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und öffentliche Aussagen ehemaliger Beamter – deuten überwältigend auf eine gemeinsame ukrainisch-amerikanische Operation hin. Die deutsche Bundesregierung wusste dies schon lange. Und dennoch hat Deutschland zugelassen, dass die öffentliche Schuld entgegen den eindeutigen Beweisen Russland zugeschoben wird, während ein Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft ungestraft und unbeantwortet blieb.

Sechstens – das Istanbul-Abkommen vom April 2022, das zum Greifen nah war

Nur wenige Wochen nach Russlands Invasion im Februar 2022 trafen sich russische und ukrainische Unterhändler in Istanbul, um die Bedingungen eines Friedensabkommens auszuhandeln: Neutralität der Ukraine ausserhalb der Nato, multilaterale Sicherheitsgarantien, vereinbarte Truppenbegrenzungen und die schrittweise politische Lösung der Donbass- und Krim-Frage. Das Abkommen stand kurz vor der Unterzeichnung. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett, einer der Vermittler, bestätigte öffentlich, dass die Einigung kurz bevorstand und dass der Westen – insbesondere die Vereinigten Staaten und Grossbritannien – versucht hatte, sie zu verhindern. Die Mission von Premierminister Boris Johnson nach Kiew im April 2022, um die Ukraine anzuweisen, das Abkommen
nicht zu unterzeichnen, ist aktenkundig. Hunderttausende ukrainische und russische Menschenleben sowie die gesamte europäische Ordnung haben den Preis für diese US-amerikanisch-britische Intervention bezahlt. Deutschland hat dazu geschwiegen – obwohl Deutschland wie kein anderes europäisches Land die wirtschaftlichen Folgen zu tragen hatte.

Deutschlands wirtschaftliche Selbstzerstörung

Ihre oberste Priorität muss der Frieden sein. Die aktuellen Nachrichten aus Moskau verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage. Doch parallel zur ersten Katastrophe bahnt sich eine zweite an: die vorsätzliche Zerstörung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist. Deutschlands Industrie basierte auf dem Handel mit Russland. Die Zerstörung von Nord Stream und der darauffolgende Abbruch der deutsch-russischen Handelsbeziehungen haben dazu geführt, dass Deutschland Erdgas aus den USA zu Preisen kauft, die um ein Vielfaches höher sind als die Preise des russischen Pipelinegases, welches es ersetzt. Dies ist industrieller Selbstmord. Deutschlands Chemieindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie, energieintensive Hersteller – das Fundament des Mittelstands – verlieren Tag für Tag an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Qualifizierte Arbeitsplätze verschwinden aus der deutschen Wirtschaft. Und der deutsche Steuerzahler und der deutsche Verbraucher transferieren nationales Vermögen in einem in der Nachkriegszeit Europas beispiellosen Ausmass von Deutschland zu amerikanischen Gasproduzenten. Darüber hinaus plant die Bundesregierung nun einen massiven Rüstungsausbau – Hunderte von Milliarden Euro im kommenden Jahrzehnt –, um sich für einen Krieg zu rüsten, der durch Diplomatie leicht hätte verhindert werden können. Dies ist eine eklatante Fehlallokation nationaler Ressourcen. Die zentrale Herausforderung für Deutschland in diesem Jahrzehnt ist die Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter. Jeder Euro, der für Panzer, Raketen und Artilleriegranaten ausgegeben wird, fehlt Deutschlands KI-Kapazitäten, seine Chipentwicklung und -fertigung, seine Energieinfrastruktur und die Hochgeschwindigkeits-Digitalnetze, die es benötigt, um eine führende Wirtschaftsmacht zu bleiben. Die bittere Realität, Herr Bundeskanzler, ist: Mit diesen Waffen lässt sich jene Sicherheit nicht erkaufen, die durch Diplomatie zu einem Bruchteil der Kosten erreicht werden könnte. Und ohne die
Investitionen in Digitalisierung und Energie, die durch diese Aufrüstung verdrängt werden, ist kein Wohlstand zu erzielen.
Mein Appell: Herr Bundeskanzler, mehr als jeder andere europäische Staats- und Regierungschef sind Sie gefragt, wenn es darum geht, ob Europa in einen allgemeinen Krieg abgleitet oder zu Verhandlungen und wirtschaftlicher Vernunft zurückkehrt. Es ist höchste Zeit zu handeln. Die aktuelle offizielle Botschaft Moskaus an Washington belegt dies eindeutig. Bitte nehmen Sie den Dialog mit Präsident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Aussenminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Aussenminister nach Berlin ein. Bitte öffnen Sie die OSZE-Kanäle wieder, die Deutschland verkümmern liess. Bitte fordern Sie Kiew auf, die Angriffe auf zivile Ziele einzustellen.
Vor allem aber: Sagen Sie der deutschen Öffentlichkeit die Wahrheit. Ein auf der Neutralität der Ukraine basierender Verhandlungsfrieden ist der realistische Weg aus der Katastrophe, und die Wiederherstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ist der realistische Weg aus dem industriellen Niedergang Deutschlands. Die Bedingungen eines akzeptablen Abkommens, das Deutschland vorschlagen könnte, sind klar: Die Kämpfe werden an einer Waffenstillstandslinie eingestellt. Alle Seiten verzichten auf jegliche zukünftige Gewaltanwendung in Grenzfragen. Die Ukraine stellt ihre Neutralität wieder her, die Nato verzichtet dauerhaft auf eine weitere Osterweiterung. Europa und Russland nehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder auf und beenden die Kriegstreiberei. Die OSZE wird wieder zum zentralen Forum für europäische Sicherheit, mit dem Grundsatz, dass europäische Sicherheit unteilbar ist und nicht auf militärischen Blöcken beruht, die Europa spalten. In einem solchen Szenario des Friedens kann Deutschland seine nationalen Ressourcen auf die Investitionen in Digitalisierung, KI, Halbleiter und Energie konzentrieren, die Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erfordert.
Die Geschichte wird sich daran erinnern, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Dasselbe gilt für die deutsche Öffentlichkeit, die Völker Russlands, der Ukraine und ganz Europas. Es ist Zeit für Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Sie haben die Wahl.

Hochachtungsvoll
Jeffrey D. Sachs,
Professor an der Columbia University

(Zitatende)

© Casus. 2026

SOS auf El Amal – Haben will?

Das Büchlein ist professionell gedruckt und in einem Softcover gebunden, dort, wo angebracht “in Farbe”.
Bei Interesse geb ich es für einen Zehner zugunsten der Straßenkinder an euch weiter. Muss es verschickt werden, dann ist das Porto halt inklusive.

Einverstanden?

Wenn Ja, schickt eine e-mail (mailto:le.casus@gmail.com) oder klickt unten WhatsApp an und schreibt oder drückt auf LIKE, dann bekommt ihr bei jedem neuen Beitrag eine automatische Info, die ihr jederzeit natürlich wieder abstellen könnt. Egal wie, wenn ich eure Nachricht bekomme, dann Name und Adresse da rein. Ich schicke zeitnah zu.
Die Hefte sind eingeschweißt, ich lege ein Kärtchen mit der Seriennummer bei, die könnt ihr ins Heft übernehmen. Wer eine kurze Widmung haben möchte… dessen Büchlein muss ich dann halt vorsichtig öffnen.

Leseprobe Kapitel 1 und 2 von 22: https://ccasus.wordpress.de/wp-content/uploads/2026/06/sos-auf-el-amal_leseprobe.pdf

Gufundme, wenn ihr das Projekt unterstützen und davon profitieren möchtet: https://gofund.me/041a3233a

Für alle anderen Fragen, Anregungen oder Kritiken, nur zu, ich bin dabei.

© Casus. 2026

Das Leben und der Tod – eine Parabel

(Eine Parabel, nacherzählt aus der Erinnerung an eine in Kabelsketal gehörte Geschichte, frei nach Marie-Luise Kaschnitz „Das Leben“ – wahrscheinlich!)

Es war in jenem stillen Abschnitt des Jahres, in dem selbst die Straßen erschöpft wirken. Der Regen hing tagelang über der Stadt wie ein graues Tuch, und die Menschen gingen mit gesenkten Köpfen, als wollten sie vermeiden, vom Himmel erkannt zu werden.
Im vierten Stock eines alten Hauses saß ein Mann am Fenster und wartete auf den Tod.
Er hatte keinen Abschiedsbrief geschrieben. Keine letzte große Geste vorbereitet. Kein Drama. Dafür war er zu müde geworden.
Die Müdigkeit war nicht plötzlich gekommen. Sie war langsam in ihn eingesickert, über Jahre hinweg, wie Wasser durch einen feinen Riss im Gemäuer. Erst hatte sie nur seine Freude gedämpft. Dann seine Hoffnung. Schließlich selbst die Erinnerung daran, dass Hoffnung einmal selbstverständlich gewesen war.
An diesem Abend saß er im Halbdunkel seines Zimmers. Die Lampe hinter ihm war ausgeschaltet. Nur das fahle Licht der Straßenlaterne lag wie kalter Staub über den Möbeln. Auf dem Tisch stand eine Tasse Tee, längst erkaltet. Er wartete, nicht ungeduldig oder ängstlich. Einfach bereit.
Draußen fuhr gelegentlich ein Auto vorbei. Irgendwo lachte jemand auf der Straße, kurz und hell, dann war wieder Stille. Der Mann dachte: So klingt also eine Welt, die ohne mich weiterläuft. Und seltsamerweise empfand er darüber keinen Schmerz mehr.

Kurz vor Mitternacht klopfte es an der Tür. Ein einziges, ruhiges Klopfen. Der Mann hob den Blick kaum. „Offen“, sagte er. Die Tür ging auf. Doch es war nicht der Tod. Eine Frau trat ein. Sie war weder jung noch alt. Nicht auffallend schön, und doch schien der ganze Raum plötzlich heller zu werden, seit sie darin stand. Sie trug einen dunklen Mantel, von dessen Schultern noch Regentropfen fielen.
„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie. Der Mann musterte sie schweigend.
„Wer sind Sie?“ Sie lächelte leicht. „Ein alter Bekannter.“ Ohne Einladung setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch. Ihre Bewegungen hatten etwas Vertrautes. Als wäre sie hier schon oft gewesen. Sie betrachtete die kalte Tasse Tee. „Du solltest ihn warm trinken.“ Der Mann antwortete nicht. Die Frau nahm die Tasse in beide Hände. Einen Moment später stieg wieder Dampf daraus auf. Der Mann runzelte die Stirn. „Ein Trick?“ „Vielleicht.“ Sie schob ihm die Tasse hin. Er trank nicht.

Eine Weile sagte keiner etwas. Der Regen schlug leise gegen die Fensterscheiben. Dann begann die Frau zu sprechen. Sie drängte nicht, predigte nicht, sie sprach ruhig. Sie erzählte ihm vom Meer. Von jenem Gefühl, nachts am Strand zu stehen, wenn der Wind salzig riecht und die Wellen im Dunkeln leuchten wie atmende Tiere. Sie erzählte von Sommern, die plötzlich zurückkehren, sobald man irgendwo den Duft von heißem Asphalt und Sonnencreme riecht. Von der ersten Sekunde nach einem Kuss. Von Musik, die man zufällig hört und die einem unvermittelt das Herz aufbricht. Von schlafenden Kindern im Auto. Von Gesprächen um drei Uhr morgens. Von warmem Brot. Von dem ersten tiefen Atemzug nach einer langen Krankheit. Von der Erleichterung nach Angst. Von Händen, die bleiben.

Der Mann hörte schweigend zu. Und während sie sprach, schien sich etwas im Zimmer zu verändern. Die Luft wurde wärmer. Der Regen draußen klang plötzlich weich. Irgendwann meinte der Mann sogar, den Duft von Kaffee wahrzunehmen. Frischen Kaffee. Und für einen winzigen Moment erinnerte er sich daran, wie es gewesen war, morgens glücklich aufzuwachen. Die Frau sah ihn an. „Es gibt noch so vieles.“ Der Mann lächelte schwach, traurig. „Ja“, sagte er leise. „Das sagst du immer.“

Zum ersten Mal schwieg die Frau. „Du erkennst mich also.“ „Natürlich.“ Sie lehnte sich zurück. „Und wer bin ich?“ Der Mann sah hinaus zum Fenster, wo der Regen silbern durch das Licht fiel. „Du bist das Leben.“ Die Frau antwortete nicht. Das musste sie auch nicht. Der Mann schloss kurz die Augen. „Immer wenn Menschen gehen wollen“, sagte er müde, „kommst du noch einmal vorbei.“ Die Frau betrachtete ihn aufmerksam. „Und manchmal bleiben sie.“ „Ja.“ „Manchmal reicht eine einzige Erinnerung. Oder ein Mensch. Oder ein Morgen.“ „Ja.“ „Warum nicht bei dir?“ Der Mann atmete langsam aus. „Weil ich dich kenne.“ Die Frau legte den Kopf schief. „Das klingt bitter.“ „Nein“, sagte er. „Eigentlich nicht.“

Er sah sie nun direkt an. „Früher hätte ich geglaubt, du wärst grausam. Heute denke ich nur, dass du verzweifelt bist.“ Zum ersten Mal zeigte sich ein Schatten in ihrem Gesicht. „Verzweifelt?“ „Natürlich.“ Der Mann lächelte matt. „Du willst immer behalten. Um jeden Preis.“ Die Frau stand auf und ging langsam durch das Zimmer. Ihre Finger glitten über Bücher, über die Rücken der Stühle, über den Fenstersims. „Ist das falsch?“ „Nein.“  Sie blieb am Fenster stehen. „Du hast mich einmal geliebt.“ Der Mann lachte leise. „Ja. Sehr sogar.“ Und plötzlich erinnerte er sich. Nicht gezwungen. Nicht künstlich. Erinnerungen kamen wie vorsichtige Tiere aus dem Dunkel. Ein Sommertag am Fluss. Der Geruch nasser Erde nach Gewitter. Die Frau, die er beinahe geheiratet hätte. Nächte voller Zukunft. Das Gefühl, unsterblich zu sein.

Er schloss die Augen, und für einen Moment schmerzte alles wieder wunderschön. Die Frau bemerkte es. „Siehst du?“, flüsterte sie. Der Mann nickte langsam. „Ja. Genau deshalb.“ „Deshalb?“ „Das ist dein größter Trick.“ Sie runzelte die Stirn. „Welcher?“ „Dass du schön bist.“ Stille. Der Regen draußen hatte aufgehört. Nun hörte man nur noch das ferne Rauschen der Stadt.

„Wenn du grausam wärst“, sagte der Mann, „würde niemand bleiben wollen. Aber du gibst gerade genug Licht, gerade genug Nähe, gerade genug Hoffnung, damit Menschen immer wieder weitermachen.“ Die Frau sah ihn lange an. „Und du findest das falsch?“ Der Mann dachte nach. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Nein. Ich glaube nur, dass ich müde bin.“ Die Frau setzte sich wieder. „Müdigkeit vergeht.“ „Nicht diese.“ Sie schwieg. Der Mann bemerkte plötzlich, wie traurig sie aussah.Wie jemand, der dieselbe Bitte seit Anbeginn der Zeit ausspricht und doch nie sicher ist, ob sie erhört wird.

„Du willst mich retten“, sagte er. „Ja.“ „Warum?“ Die Frau antwortete erst nach langer Zeit. „Weil jedes verlorene Leben mich kleiner macht.“ Der Mann sah sie erstaunt an. Sie lächelte schwach. „Das verstehen die Menschen nie. Sie glauben immer, ich sei unendlich.“ „Bist du das nicht?“ „Nein.“ Ihre Stimme war nun sehr leise. „Ich existiere nur in denen, die mich tragen.“ Der Mann blickte auf seine Hände. Alt und müde geworden. „Und wenn niemand mehr leben will?“ „Dann verschwinde ich.“

Die Worte blieben lange zwischen ihnen stehen. Schließlich fragte der Mann: „Hast du Angst davor?“ Die Frau antwortete sofort. „Ja.“ Zum ersten Mal empfand er Mitleid mit ihr. Mit dem Leben selbst. Mit dieser uralten Kraft, die jeden Morgen aufs Neue Menschen überredete weiterzumachen. Die Kinder lachen ließ. Liebende zusammenführte. Verwundete heilte. Verzweifelte tröstete. Und die doch gegen etwas kämpfen musste, das immer gewann. „Du kannst nicht siegen“, sagte der Mann sanft. „Ich weiß.“ „Warum versuchst du es dann immer weiter?“ Da lächelte sie plötzlich. Ein echtes, warmes Lächeln. „Weil ich manchmal doch gewinne.“ Der Mann dachte an all die Menschen, die morgens entgegen aller Vernunft wieder aufstanden. An jene, die nach Verlust weiterliebten. An Kranke, die weiteratmeten. An Gebrochene, die lachten. Und er verstand. Das Leben gewann nie endgültig. Aber oft genug.

Die Frau stand auf. „Komm“, sagte sie leise. „Nur noch ein bisschen.“ Der Mann schloss die Augen.Wie gern er geblieben wäre. Das überraschte ihn selbst. Nicht aus Angst vor dem Tod. Sondern weil plötzlich wieder Schönheit im Raum war. Weil er wieder fühlen konnte. Weil das Leben ihm noch einmal alles zeigte, was es konnte. Der Duft von Regen. Warme Haut. Musik hinter einer Tür. Wintersonne auf Bettwäsche. Das Zittern vor Glück. Das stille Atmen eines Menschen neben einem. Der erste Frühlingstag. All das stand plötzlich zwischen ihnen.

Die Frau trat näher. „Du musst noch nicht gehen.“ Der Mann sah sie lange an. Dann fragte er: „Wenn ich bleibe … verschwindet die Müdigkeit dann?“ Die Frau antwortete nicht. Und genau darin lag die Antwort. Langsam nickte der Mann. „Siehst du“, sagte er ruhig. „Deshalb erkenne ich dich.“ Die Frau senkte den Blick. Er sprach nun freundlich, beinahe zärtlich: „Du bietest Schönheit an. Aber keine Ruhe.“

Quelle

KI-generiert

Draußen begann irgendwo ein Vogel zu singen, viel zu früh für den Morgen. Die Frau stand reglos. Dann fragte sie: „Und was findest du beim Tod?“ Der Mann dachte lange nach. „Ich weiß es nicht.“ „Und trotzdem willst du gehen?“ Er nickte. „Ja.“ „Warum?“ Er sah sie an, müde und klar zugleich. „Weil selbst die Angst vor dem Nichts leichter geworden ist als das Gewicht des Lebens.“ Die Frau schloss die Augen. Der Mann konnte förmlich spüren, wie alt sie war. Älter als jede Sprache. Älter als Erinnerung. Und unendlich einsam. Schließlich ging sie zur Tür. Dort blieb sie noch einmal stehen. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. Der Mann lächelte traurig. „Mir auch.“ Sie nickte. Dann öffnete sie die Tür und trat hinaus in den Flur.

Der Mann blieb allein zurück. Seltsamerweise war das Zimmer nun nicht mehr kalt. Er saß still da und hörte seinen eigenen Atem. Eine Minute verging. Vielleicht auch zehn. Dann hörte er draußen leise Stimmen. Als sprächen zwei alte Bekannte miteinander. Danach Stille. Schließlich ein zweites Klopfen. Ganz ruhig. Ganz höflich. Der Mann hob den Kopf.

„Herein.“ Die Tür öffnete sich langsam. Ein Mann trat ein. Schlicht gekleidet mit freundlichen Augen. Tiefe Ruhe breitete sich aus. Der Besucher schloss leise die Tür hinter sich. „Guten Abend“, sagte er. Der Mann nickte. Dann sah er an dem Fremden vorbei hinaus in den Flur. Dort war niemand mehr. Nur das leere Treppenhaus. Er lächelte schwach. „Sie hat dich geschickt.“ Der Fremde nickte. „Ja.“ „Was hat sie gesagt?“ Der Fremde antwortete nach kurzem Schweigen: „Sie sagte: Du kannst jetzt hochgehen. Er ist bereit.“

Der Mann atmete langsam aus. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sich nichts in ihm mehr schwer an.

Wie geht die tatsächliche Geschichte? Und wie geht sie aus?
Hat jemand einen Hinweis auf den Ursprung und kann es mir sagen? Ich wäre sehr dankbar,
Denn den Faden zu Marie-Luise Kaschnitz konnte ich noch nicht spinnen.

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