Kategorie: gute gesellschaft

waRuM k!nen wIr lsEn?

Ohne große Mühe haben Sie die Überschrift lesen können, obwohl dort ein wenig Kauderwelsch steht.
Ich hab vor 14 Jahren ein Jahr lang 12 digitale Zeitschriften ins Netz gestellt. Ich wollte testen, ob es möglich ist, ganz allein und ohne fremde Zuarbeit, solch ein Projekt durchzuziehen. Themen finden, recherchieren, formulieren, setzen und layouten inkl. Photoshop-Grafiken, in ein digitales Netz-Format exportieren und veröffentlichen. Von der ersten 4-seitigen Ausgabe bis zur letzten, ein auf 24 Seiten angewachsenes Format, war es mir damals ganz gut gelungen. Nach 12 Monaten hatte ich das Projekt eingestellt, der Nachweis war ja erbracht. Das FROM (Freies Online Magacine). Damals gab übrigens noch keine KI, man musste selbst noch arbeiten!
In einer dieser Ausgaben hatte ich mich mit dem Thema LESEN und Lesen-Können beschäftigt. Es ging ein wenig in eine andere Richtung als heute, aber es hatte die gleichen Grundlagen. Ich las Bücher – sofern es nicht gerade hochintellektuelle Fachliteratur war – seitenweise von links oben nach rechts unten und las auf diese Weise vielleicht 4 oder 5 Romane pro Woche. Und wusste hinterher doch, worum es ging. Heute kann und mach ich das übrigens nicht mehr, vielleicht auch, weil die zu lesende Literatur weniger an Romane erinnert.
Im aktuellen Scientific American erscheint ein Artikel, der sich mit „neuronal recycling“ beschäftigt, also in etwa „neuronales Umfunktionieren“ oder „Wiederverwenden“. Der Artikel steht hinter eine Bezahlschranke, also machen wir uns noch einmal eigene Gedanken dazu. Aufbauend auf dem 2012er-Text.

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KI-generiert


Wie kann der Mensch lesen, obwohl es Schrift erst seit wenigen tausend Jahren gibt?

Wir halten ein Buch in der Hand, sehen eine Seite voller kleiner schwarzer Zeichen und wissen nach wenigen Augenblicken, was dort steht. Wir müssen nicht überlegen, was wir mit den Zeichen anfangen sollen. Wir sehen Buchstaben, erkennen Wörter und verstehen Sätze. Lesen erscheint uns deshalb als etwas völlig Natürliches. Ist es aber nicht.

Evolutionär betrachtet ist Lesen eine sehr junge Errungenschaft. Die ältesten bekannten Schriftsysteme sind gerade einmal etwa 5.000 Jahre alt. Der moderne Mensch existiert dagegen seit rund 300.000 Jahren. Das bedeutet: Fast die gesamte Geschichte des Homo sapiens verlief ohne Schrift. Wie also kann unser Gehirn etwas so mühelos leisten, wofür es während der Evolution niemals speziell ausgewählt worden sein kann? Die Antwort liegt vielleicht in einer erstaunlichen Eigenschaft unseres Gehirns: Es ist kein starr vorprogrammiertes Organ. Es kann bereits vorhandene Fähigkeiten miteinander verbinden und für neue Aufgaben nutzen. Lesen ist deshalb weniger eine Fähigkeit, die die Evolution eigens hervorgebracht hat, sondern vielmehr eine kulturelle Erfindung, die sich die vorhandene Architektur unseres Gehirns zunutze macht.

Unser Gehirn besitzt beispielsweise hochentwickelte Systeme zur visuellen Mustererkennung. Wir müssen innerhalb kürzester Zeit erkennen können, ob wir einen Menschen, ein Tier, einen Gegenstand oder ein Hindernis vor uns haben. Dabei interessiert sich das Gehirn nicht nur für einzelne Punkte oder Linien. Es erkennt Formen, Anordnungen und charakteristische Muster. Genau diese Fähigkeit können wir beim Lesen verwenden. Ein Buchstabe ist zunächst nichts weiter als ein bestimmtes Muster aus Linien und Kurven. Unser Gehirn lernt, diese Muster zuverlässig voneinander zu unterscheiden. Aus einem „M“ wird ein „M“, aus einem „A“ ein „A“. Dabei spielt es keine entscheidende Rolle, ob das A groß oder klein geschrieben wird oder welche Schriftart verwendet wird. Das Gehirn erkennt hinter den unterschiedlichen Formen eine gemeinsame abstrakte Struktur.

Damit ist allerdings erst die erste Hürde genommen. Denn Lesen bedeutet nicht nur, Zeichen zu erkennen. Die visuellen Informationen müssen mit unserem Sprachsystem verbunden werden. Aus den Zeichen werden Laute beziehungsweise sprachliche Einheiten, aus diesen werden Wörter und aus den Wörtern werden Sätze und es entsteht Bedeutung.

Wenn wir beispielsweise das Wort „Meer“ lesen, sehen wir nicht einfach vier Buchstaben. Unser Gehirn verbindet die visuelle Form mit einem bekannten sprachlichen Begriff. Gleichzeitig können Erinnerungen und Vorstellungen aktiviert werden: Wasser, Wellen, ein Schiff, Salzgeruch oder vielleicht eine ganz persönliche Erfahrung und wir denken zum Beispiel an die Ostsee. Innerhalb kürzester Zeit wird aus einigen abstrakten Linien ein gedanklicher Inhalt.

Es gibt umfangreiche Literatur zu diesem Phänomen. Neurowissenschaftler wie Stanislas Dehaene haben diesen Vorgang intensiv untersucht. (z.B. Stanislas Dehaene „LeSEN“). Dabei zeigt sich, dass beim Lesen unter anderem ein Bereich im linken ventralen Teil der Großhirnrinde eine wichtige Rolle spielt. (ventral: nach vorn im Körper; im Gegensatz zu dorsal: nach hinten). In der Literatur wird er häufig als „Visual Word Form Area“ bezeichnet. Bei Viel-Lesern reagiert dieser Bereich besonders zuverlässig auf Buchstaben und Buchstabenfolgen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Evolution vor einigen Millionen Jahren bereits ein kleines „Lesezentrum“ in unser Gehirn eingebaut hätte. Davon können wir nicht ausgehen, befürchte ich jedenfalls. Das wäre zeitlich unmöglich. Vielmehr handelt es sich um ein Beispiel dafür, was Dehaene als „neuronales Recycling“ bezeichnet: Bereits vorhandene neuronale Strukturen werden für eine neue kulturelle Tätigkeit genutzt.

Vielleicht wird es so verständlicher für uns. Wir stellen uns vor, jemand erfindet ein neues Werkzeug, für das es ursprünglich keine Maschine gibt. Statt eine völlig neue Maschine zu bauen, stellt er fest, dass eine vorhandene Maschine mit einigen Veränderungen bereits einen großen Teil der Aufgabe erledigen kann. Ähnlich verhält es sich beim Lesen. Die Evolution hat uns kein Gehirn zum Lesen gegeben. Sie hat uns aber ein Gehirn gegeben, das hervorragend sehen, unterscheiden, speichern, lernen, Sprache verarbeiten und neue Zusammenhänge herstellen kann. Noch erstaunlicher ist, dass sich die Schrift selbst offenbar an diese Eigenschaften des menschlichen Gehirns angepasst hat. Schriftsysteme mussten so funktionieren, dass unser Gehirn sie zuverlässig unterscheiden und verarbeiten konnte. Die Geschichte der Schrift ist deshalb nicht nur eine Geschichte kultureller Erfindungen, sondern gewissermaßen auch eine Geschichte darüber, wie der Mensch gelernt hat, sein eigenes Gehirn auszunutzen.

Das erklärt auch, warum wir nicht jedes einzelne Wort mühsam Buchstabe für Buchstabe entziffern müssen. Ein geübter Leser erkennt viele Wörter praktisch als Ganzes. Gleichzeitig kann das Gehirn kleinere Einheiten analysieren und unbekannte Wörter aus ihren Bestandteilen erschließen. Lesen ist deshalb ein Zusammenspiel verschiedener Verarbeitungsebenen, die sich durch Übung immer stärker automatisieren. Das ist vielleicht auch der Grund, warum diagonales Lesen funktioniert – nach einiger Übung.

Wie aber lernen wir das? Ein Kleinkind, das gerade lesen lernt, muss sich bewusst auf einzelne Buchstaben konzentrieren. Es muss beispielsweise lernen, dass bestimmte Zeichen mit bestimmten Lauten verbunden sind. Lesen ist zunächst langsam und anstrengend. Mit zunehmender Übung werden die Verbindungen immer automatischer. Irgendwann können wir ein Wort kaum noch anschauen, ohne es innerlich zu „lesen“.

Das führt zu einem bemerkenswerten Paradox: Wir haben das Lesen kulturell erfunden, aber unser Gehirn behandelt die erlernte Fähigkeit schließlich beinahe so selbstverständlich wie eine natürliche Wahrnehmung. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass die Fähigkeit des Gehirns, solche neuen Fertigkeiten zu erlernen, selbst eine lange evolutionäre Geschichte besitzt. Die Evolution musste also nicht das Lesen vorhersehen. Sie musste lediglich ein ausreichend flexibles Nervensystem hervorbringen. Dieses Nervensystem sollte lernen können, neue Zusammenhänge herzustellen und sich an veränderte Anforderungen anzupassen.

Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt. Der Mensch besitzt nicht für jede kulturelle Erfindung ein eigenes angeborenes Gehirnmodul. Wir besitzen vielmehr ein Gehirn mit einer außergewöhnlichen Lernfähigkeit. Deshalb können wir lesen, schreiben, rechnen, Musikinstrumente spielen, Karten verstehen oder heute sogar Programmiersprachen erlernen – obwohl keine dieser Tätigkeiten während des größten Teils unserer evolutionären Geschichte existierte.

Beim Lesen zeigt sich diese Besonderheit besonders deutlich. Zwischen der Entstehung der ersten Schrift und unserer heutigen Fähigkeit, komplizierte Texte zu lesen, liegen nur wenige tausend Jahre. Für die biologische Evolution ist das ein verschwindend kurzer Zeitraum. Trotzdem können wir aus kleinen schwarzen Zeichen auf einer Seite ganze Welten entstehen lassen. Vielleicht liegt gerade darin eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns: Es musste nicht für die Zukunft wissen, was wir einmal erfinden würden. Es musste nur flexibel genug sein, um sich auf das einzustellen, was wir erfinden.

Wir haben kein Gehirn bekommen, das lesen kann. Wir haben ein Gehirn bekommen, das lernen kann, zu lesen. Und in naher oder ferner Zukunft vielleicht noch viel mehr Möglichkeiten entwickelt, die wir heute nicht einmal ahnen.
hAptscHe, wR gEBn iHm Di zit dF!r.

© Casus. 2026

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Wie lange wird es noch Menschen auf der Erde geben?

Die Fragestellung

Wie lange wird es noch Menschen auf der Erde geben?
Eine ganz pauschale, persönliche und unverbindliche Betrachtung.

Eine solche Frage klingt zunächst nach einer einfachen Zeitangabe. In Wirklichkeit gehört sie zu den schwierigsten Prognosefragen überhaupt. Denn das mögliche Ende der Menschheit hängt nicht von einem einzigen Faktor ab, sondern von einem komplexen Zusammenspiel aus Umweltveränderungen, Demografie, wirtschaftlichen Entwicklungen, politischen und militärischen Konflikten, biologischen Risiken, medizinischem Fortschritt, künstlicher Intelligenz, Gentechnik, Migration, technischer Entwicklung und schließlich auch von Ereignissen, die außerhalb menschlicher Kontrolle liegen.

Hinzu kommt ein grundlegendes Problem: Was bedeutet überhaupt „das Ende der Menschheit“?

Der Zusammenbruch unserer heutigen Zivilisation wäre etwas anderes als das Aussterben des Homo sapiens. Und selbst das Aussterben des Homo sapiens wäre nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit dem Ende aller menschlichen Nachfahren. Eine zukünftige Population könnte sich genetisch und technisch so stark verändert haben, dass wir sie heute möglicherweise nicht mehr eindeutig als Homo sapiens bezeichnen würden.

Meine persönliche Einschätzung lautet deshalb zunächst sehr pauschal:

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Homo sapiens innerhalb der nächsten hundert Jahre vollständig ausstirbt. Ich halte es dagegen für durchaus möglich, dass unsere heutige Form von Zivilisation innerhalb dieses Zeitraums tiefgreifend verändert wird. Menschen oder menschliche Nachfahren wird es meiner Einschätzung nach sehr wahrscheinlich noch in tausend Jahren geben, wahrscheinlich auch in zehntausend Jahren. Für Zeiträume von hunderttausend Jahren sind seriöse Prognosen dagegen kaum noch möglich.


1. Drei verschiedene Arten des „Endes“

Wenn wir über das Verschwinden der Menschheit sprechen, müssen wir zunächst drei Szenarien unterscheiden.

Das erste wäre der Zusammenbruch der heutigen Zivilisation. Staaten könnten zerfallen, die globale Wirtschaft könnte kollabieren, internationale Lieferketten könnten zusammenbrechen und moderne Medizin, Kommunikation und Energieversorgung könnten teilweise oder vollständig ausfallen. Das wäre eine gewaltige Katastrophe, aber noch lange nicht das Aussterben des Menschen.

Das zweite Szenario wäre das biologische Aussterben des Homo sapiens. Dafür müsste eine Katastrophe praktisch alle menschlichen Populationen erreichen. Das ist erheblich schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint.

Das dritte Szenario ist langfristig vielleicht das interessanteste: Der Homo sapiens verändert sich so stark, dass seine Nachkommen irgendwann biologisch oder technisch etwas anderes darstellen.

Genomeditierung, künstliche Fortpflanzung, medizinische Lebensverlängerung, Mensch-Maschine-Schnittstellen und künstliche Intelligenz könnten irgendwann dazu führen, dass die Grenze zwischen natürlicher Evolution und technischer Veränderung verschwimmt. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet bereits heute zwischen somatischer Genomeditierung und vererbbarer Genomeditierung und hält eine klinische Anwendung vererbbarer menschlicher Genomeditierung derzeit nicht für verantwortbar.

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine solche Entwicklung für alle Zeiten ausgeschlossen ist.


2. Der stärkste langfristige Faktor ist möglicherweise nicht die Überbevölkerung, sondern die sinkende Geburtenrate

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen unserer Gegenwart ist die weltweite Veränderung der Demografie. Die Weltbevölkerung wächst zwar weiterhin, aber wesentlich langsamer als früher. In immer mehr Ländern liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau unter dem Niveau, das langfristig für eine stabile Bevölkerung erforderlich wäre. Die Vereinten Nationen erwarten nach ihren aktuellen Bevölkerungsprojektionen einen weiteren Anstieg der Weltbevölkerung auf etwa 10,3 Milliarden Menschen in der Mitte der 2080er Jahre und anschließend einen leichten Rückgang. Das ist historisch bemerkenswert. Über Jahrtausende war eine hohe Kinderzahl eine Voraussetzung für das Überleben von Gesellschaften. Heute können wohlhabende Gesellschaften mit niedriger Kinderzahl über Jahrzehnte funktionieren.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Wie viele Menschen kann die Erde ernähren?

Sie lautet zunehmend: Wie viele Menschen wollen und können zukünftige Gesellschaften überhaupt noch hervorbringen?


3. Aber niedrige Geburtenraten müssen nicht zum Aussterben führen

Der entscheidende Unterschied zwischen früher und Zukunft könnte die Technologie sein. Der Mensch ist inzwischen in der Lage, seine Fortpflanzung teilweise von der natürlichen Fortpflanzung zu entkoppeln. Bereits heute existieren künstliche Befruchtung, In-vitro-Fertilisation, Kryokonservierung von Eizellen und Spermien sowie genetische Untersuchungsmöglichkeiten von Embryonen. Noch wesentlich weitergehende Möglichkeiten befinden sich dagegen im Forschungsstadium. Dazu gehört beispielsweise die Ektogenese – die Entwicklung von Schwangerschaften außerhalb des menschlichen Körpers. Eine vollständige künstliche Schwangerschaft beim Menschen existiert heute nicht in klinischer Anwendung. Sollte eine solche Technologie eines Tages tatsächlich funktionieren, würde sich die Bedeutung niedriger natürlicher Geburtenraten grundlegend verändern. Eine Gesellschaft könnte dann theoretisch ihre Bevölkerungsgröße stärker technisch steuern.

Aus der Frage „Warum bekommen die Menschen zu wenige Kinder?“ würde irgendwann möglicherweise die Frage „Wie viele Menschen wollen wir überhaupt haben?“


4. Genmanipulation könnte die menschliche Evolution verändern

Noch tiefgreifender könnte die Entwicklung der Gentechnik werden. Heute wird Genomeditierung bereits medizinisch eingesetzt beziehungsweise klinisch entwickelt, um bestimmte Krankheiten zu behandeln. Die entscheidende Grenze liegt jedoch bei Veränderungen, die an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Sollte die Menschheit irgendwann in der Lage sein, vererbbares genetisches Material sicher und präzise zu verändern, könnte sie damit beginnen, ihre eigene biologische Entwicklung bewusst zu beeinflussen. Zunächst wäre vermutlich nicht an spektakuläre „Designer-Menschen“ zu denken. Viel naheliegender wären medizinische Ziele:

  • Vermeidung schwerer Erbkrankheiten,
  • erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen bestimmte Krankheiten,
  • bessere Behandlung genetisch bedingter Krebsrisiken,
  • möglicherweise Veränderungen von Alterungsprozessen.

Damit würde der Mensch beginnen, einen Teil dessen zu übernehmen, was bisher die natürliche Evolution bestimmt hat. Das wäre möglicherweise einer der größten Wendepunkte der Menschheitsgeschichte.


5. Künstliche Intelligenz – der größte unbekannte Faktor

Unter allen technischen Entwicklungen halte ich künstliche Intelligenz für den schwersten Faktor bei einer Langzeitprognose. Nicht unbedingt deshalb, weil eine KI irgendwann bewusst beschließen müsste, die Menschheit zu vernichten. Dieses Szenario ist viel zu einfach. Das größere Problem ist die enorme Macht, die sehr leistungsfähige KI-Systeme gleichzeitig entfalten könnten. Sie könnten wissenschaftliche Forschung beschleunigen, Medikamente entwickeln, Krankheiten diagnostizieren, Energieversorgung optimieren, Robotik vorantreiben und komplexe technische Systeme kontrollieren. Dieselben Fähigkeiten könnten aber auch für Cyberangriffe, Desinformation, militärische Systeme oder eine extreme Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht eingesetzt werden. Damit könnte KI gleichzeitig zu einem der größten Risiken und zu einem der wichtigsten Werkzeuge für das Überleben der Menschheit werden.

Die Vereinten Nationen weisen ebenfalls auf die Chancen der Digitalisierung hin, warnen aber zugleich vor Risiken künstlicher Intelligenz, darunter Desinformation, Verzerrungen und Datenschutzprobleme.

Meine Einschätzung lautet deshalb: Kurzfristig sehe ich KI nicht als wahrscheinlichen Auslöser des menschlichen Aussterbens. Langfristig könnte sie jedoch darüber entscheiden, ob Homo sapiens überhaupt noch die bestimmende Intelligenz auf der Erde bleibt.


6. Militärische Konflikte und Atomwaffen

Für die nächsten Jahrzehnte halte ich einen großen militärischen Konflikt für eine ernstere Gefahr als einen Asteroideneinschlag. Ein großer Atomkrieg könnte Hunderte Millionen Menschen unmittelbar töten, Infrastruktur zerstören, Landwirtschaft und internationale Versorgungssysteme schwer beschädigen und möglicherweise langanhaltende klimatische Folgen verursachen. Trotzdem würde selbst ein extrem großer Atomkrieg wahrscheinlich nicht automatisch zum vollständigen Aussterben des Homo sapiens führen. Menschen leben auf nahezu allen Kontinenten und in sehr unterschiedlichen klimatischen Regionen. Selbst ein globaler Zusammenbruch könnte daher vermutlich einzelne Populationen übriglassen. Das Risiko liegt deshalb zunächst eher im Zusammenbruch der Zivilisation als in der vollständigen Ausrottung der Spezies.

Besonders problematisch könnte künftig die Verbindung zwischen künstlicher Intelligenz und militärischen beziehungsweise nuklearen Kommando- und Kontrollsystemen werden. Genau diese Verbindung wird auch auf internationaler Ebene inzwischen als sicherheitspolitisches Problem diskutiert.


7. Pandemien und biologische Risiken

Eine weitere ernstzunehmende Gefahr sind Pandemien.

Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich ein neuartiger Erreger weltweit ausbreiten und Gesellschaften erheblich beeinträchtigen kann. Zukünftige Pandemien könnten wesentlich schwerwiegender sein. Dabei entstehen neue Infektionskrankheiten häufig durch sogenannte zoonotische Übersprünge – also durch die Übertragung von Erregern zwischen Tieren und Menschen. Faktoren wie intensive Tierhaltung, Urbanisierung, Umweltzerstörung, Klimaveränderungen und zunehmende Kontakte zwischen Menschen und Wildtieren können solche Risiken beeinflussen.

Gleichzeitig besitzt die Menschheit heute Fähigkeiten, die es früher nicht gab: Wir können Erreger sequenzieren, Impfstoffe entwickeln, Medikamente testen und weltweite epidemiologische Daten auswerten. Auch hier könnte künstliche Intelligenz zu einem entscheidenden Werkzeug werden.

Eine Pandemie könnte daher durchaus Milliarden Menschen gefährden, aber für das vollständige Aussterben des Menschen müsste ein Erreger eine außergewöhnliche Kombination aus hoher Übertragbarkeit und hoher Letalität erreichen und gleichzeitig praktisch alle menschlichen Populationen erfassen. Das ist möglich, aber nicht zwangsläufig.


8. Der Klimawandel wird die Menschheit wahrscheinlich nicht einfach auslöschen

Der Klimawandel stellt zweifellos eine der größten langfristigen Herausforderungen dar.

Der aktuelle Bericht der Vereinten Nationen zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele beschreibt eine zunehmende Klimabelastung und verweist darauf, dass die Jahre 2015 bis 2025 die heißeste bisher gemessene Elfjahresperiode darstellen.

Zu den möglichen Folgen gehören:

  • zunehmende Hitzebelastung,
  • Wasserknappheit,
  • Ernährungsprobleme,
  • Extremwetter,
  • Meeresspiegelanstieg,
  • Migration,
  • wirtschaftliche Schäden,
  • politische Instabilität.

Trotzdem halte ich ein vollständiges Aussterben des Menschen allein durch den Klimawandel für wenig wahrscheinlich. Der Mensch kann sich anpassen. Er kann seine Siedlungsgebiete verändern, Landwirtschaft technisch verändern, Gebäude klimatisieren, Wasser aufbereiten und Menschen in weniger belastete Regionen umsiedeln.

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht nur die physikalische Veränderung des Klimas. Es ist die Frage, wie gut politische und wirtschaftliche Systeme mit dieser Veränderung umgehen können.


9. Migration als Anpassungsmechanismus

Migration wird in diesem Zusammenhang eine immer größere Rolle spielen.

Wenn bestimmte Regionen heißer, trockener oder wirtschaftlich unattraktiver werden, werden Menschen versuchen, in andere Regionen auszuweichen. Das kann enorme politische Konflikte auslösen. Aber Migration ist zunächst kein Aussterbemechanismus. Im Gegenteil: Migration kann ein biologischer und gesellschaftlicher Anpassungsmechanismus sein. Die Menschheit könnte langfristig geografisch ganz anders verteilt sein als heute. Regionen, die heute kalt oder dünn besiedelt sind, könnten an Bedeutung gewinnen, während manche subtropischen Regionen schwieriger bewohnbar werden.

Die Folgen wären politisch enorm, aber sie bedeuten nicht zwangsläufig das Ende der Menschheit.


10. Wirtschaftliche Entwicklung und die Frage nach den Kindern

Auch die wirtschaftliche Entwicklung könnte die demografische Zukunft verändern. Niedrige Geburtenraten hängen mit vielen Faktoren zusammen:

  • späterer Familiengründung,
  • langen Ausbildungszeiten,
  • hohen Wohnkosten,
  • beruflicher Unsicherheit,
  • Urbanisierung,
  • veränderten Lebensentwürfen,
  • zunehmender wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Kindern.

Aber wir wissen nicht, ob dieser Trend dauerhaft ist. Eine hochautomatisierte Gesellschaft könnte Kindererziehung in Zukunft erheblich erleichtern. Künstliche Intelligenz, Robotik, bessere Kinderbetreuung und veränderte Arbeitsmodelle könnten dazu führen, dass Elternschaft weniger mit wirtschaftlichen Nachteilen verbunden ist.

Es könnte aber auch genau das Gegenteil passieren: Je wohlhabender und technologischer Gesellschaften werden, desto weniger Kinder wollen sie. Welche Entwicklung sich langfristig durchsetzt, kann ich nicht einschätzen.


11. Medizin und künstliche Verlängerung des Lebens

Noch einmal verändert würde die Situation durch eine starke Verlängerung der menschlichen Lebensspanne. Sollte die Medizin irgendwann in der Lage sein, Alterungsprozesse wesentlich zu verlangsamen, könnte sich das Verhältnis zwischen Geburten und Bevölkerungsgröße grundlegend verändern. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder wesentlich länger leben, benötigt weniger Nachwuchs, um eine stabile Bevölkerungszahl aufrechtzuerhalten. Zusammen mit künstlicher Fortpflanzung könnte daraus langfristig eine Gesellschaft entstehen, in der Bevölkerungsentwicklung zunehmend eine bewusste technische Entscheidung wird. Das ist heute noch Zukunftsmusik.

Aber die Richtung der medizinischen Forschung macht die Frage zumindest legitim.


12. Kosmische Gefahren

Schließlich darf man die Risiken aus dem Weltall nicht vergessen. Asteroideneinschläge sind real. Allerdings gibt es derzeit keinen bekannten Asteroiden, bei dem NASA eine signifikante Einschlagswahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten hundert Jahre angibt. Noch wichtiger ist: Die Menschheit beginnt inzwischen, sich gegen solche Gefahren technisch zu schützen.

Die NASA-Mission DART hat gezeigt, dass ein Asteroid durch einen gezielten Einschlag tatsächlich in seiner Bahn verändert werden kann. Damit besitzt die Menschheit erstmals eine praktisch demonstrierte Form planetarer Verteidigung.

Andere kosmische Gefahren – etwa extrem starke solare Ereignisse oder bislang unbekannte astronomische Risiken – lassen sich wesentlich schwerer einschätzen. Hier gilt deshalb eine einfache Regel:

Je weiter wir in die Zukunft schauen, desto größer wird nicht unbedingt das Risiko selbst, sondern unsere Unsicherheit über das Risiko.


13. Supervulkane und andere Naturkatastrophen

Auch ein großer Vulkanausbruch könnte die Menschheit vor eine gewaltige Herausforderung stellen. Ein Supervulkan könnte das Klima über Jahre beeinflussen, Landwirtschaft zerstören und globale Versorgungssysteme zusammenbrechen lassen. Doch auch hier gilt: Eine Katastrophe für die Zivilisation ist nicht automatisch eine Katastrophe für die Spezies. Menschen könnten in verschiedenen Regionen überleben.

Die Menschheit ist geografisch sehr breit verteilt und besitzt außerdem die Fähigkeit, Nahrung, Energie und Schutzräume technisch zu organisieren.


14. Die größte Gefahr könnte die Kombination vieler Risiken sein

Vielleicht ist das der wichtigste Punkt der gesamten Betrachtung. Ich sehe nicht den einen großen „Killer“, der die Menschheit mit hoher Wahrscheinlichkeit auslöschen wird. Viel gefährlicher könnte die Verkettung mehrerer mittelgroßer Risiken sein.

Zum Beispiel: Klimaveränderung Migration politische Instabilität wirtschaftliche Krisen militärische Konflikte Zusammenbruch staatlicher Strukturen biologische Risiken.

Oder: KI wirtschaftliche Machtkonzentration politische Instabilität Cyberkrieg militärische Eskalation.

Die Vereinten Nationen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Umweltzerstörung, Konflikte, Epidemien, wirtschaftliche und technologische Faktoren miteinander verbunden sind und sich gegenseitig verstärken können.

Aber dieselbe Vernetzung kann auch positiv wirken: KI + Medizin + Genetik + Robotik + erneuerbare Energien + Raumfahrt könnten gemeinsam eine Menschheit hervorbringen, die wesentlich widerstandsfähiger ist als die heutige.


15. Meine ganz persönliche Prognose

Wenn ich mich tatsächlich auf eine zeitliche Einschätzung festlegen müsste, würde ich es so formulieren:

In den nächsten 100 Jahren

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Homo sapiens weiterhin existiert. Die größten Gefahren sehe ich in dieser Zeit bei: militärischen Konflikten, Biotechnologie, künstlicher Intelligenz, politischen Instabilitäten und miteinander verbundenen Krisen. Nicht bei einem Asteroideneinschlag.

In den nächsten 500 Jahren

Hier wird die Prognose wesentlich unsicherer. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die Menschheit dann technisch sehr viel leistungsfähiger sein wird als heute. Möglicherweise wird sie Krankheiten weitgehend kontrollieren, künstliche Fortpflanzung beherrschen, wesentlich länger leben und dauerhaft außerhalb der Erde präsent sein.

In den nächsten 5.000 Jahren

Auch hier halte ich die Fortexistenz menschlicher Wesen für wahrscheinlicher als ihr Aussterben. Aber ich würde nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Wesen noch genauso leben wie wir.

In 10.000 Jahren

Ich halte es weiterhin für wahrscheinlicher, dass irgendeine Form menschlicher Nachfahren existiert, als dass die Menschheit vollständig verschwunden ist. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass diese Wesen noch unverändert Homo sapiens sind, kann ich nicht seriös abschätzen.

In 100.000 Jahren

Hier endet für mich eine seriöse Prognose. Ich trau mir keine Prognose zu.


16. Vielleicht wird Homo sapiens nicht aussterben – sondern sich verändern

Das ist für mich der faszinierendste Gedanke. Die Menschheit könnte in ferner Zukunft nicht deshalb verschwunden sein, weil sie ausgelöscht wurde. Sie könnte verschwunden sein, weil sie sich verändert hat.

Wenn Menschen irgendwann:

  • ihre Gene gezielt verändern,
  • Krankheiten weitgehend eliminieren,
  • Alterungsprozesse beeinflussen,
  • künstliche Fortpflanzung beherrschen,
  • biologische Körper technisch erweitern,
  • Gehirne mit Computersystemen verbinden,
  • andere Planeten besiedeln,

dann könnte irgendwann die Frage entstehen:

Wo endet der Homo sapiens und wo beginnt etwas Neues?

Vielleicht wird der Mensch deshalb eines Tages tatsächlich aussterben – aber nicht unbedingt durch eine Katastrophe. Vielleicht stirbt Homo sapiens aus, weil seine Nachkommen ihn langsam hinter sich lassen.


Zum Schluss

Wenn ich alle Faktoren zusammennehme, komme ich zu einer für mich überraschend optimistischen Schlussfolgerung: Ich glaube nicht, dass die Menschheit in absehbarer Zeit einfach verschwinden wird. Dafür ist sie zu anpassungsfähig, zu intelligent, geografisch zu weit verbreitet und technologisch bereits zu leistungsfähig. Die Menschheit hat gewaltige Probleme geschaffen. Sie besitzt aber gleichzeitig die Fähigkeit, einen Teil dieser Probleme selbst wieder zu lösen. Das eigentliche Risiko besteht daher möglicherweise nicht darin, dass ein einzelnes Ereignis die Menschheit vernichtet. Das größere Risiko liegt darin, dass mehrere Krisen gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken. Umgekehrt könnte genau die Fähigkeit zur technischen Innovation den entscheidenden Unterschied machen.

KI könnte uns gefährden oder schützen. Gentechnik könnte uns verändern oder widerstandsfähiger machen. Medizin könnte unser Leben verlängern. Raumfahrt könnte unsere Existenz von einem einzigen Planeten lösen. Künstliche Fortpflanzung könnte die demografischen Grenzen des Menschen verändern.

Damit verändert sich auch die eigentliche Frage. Vielleicht lautet die Zukunftsfrage nicht: „Wann wird es keine Menschen mehr geben?“

Sondern: „Wie lange wird es noch Wesen geben, die wir Menschen nennen würden?“

Meine persönliche Wette wäre deshalb:

In 1.000 Jahren gibt es noch Menschen.

In 10.000 Jahren gibt es sehr wahrscheinlich noch menschliche Nachfahren. Ob diese Wesen dann noch Homo sapiens sind, weiß ich nicht.

Und bei 100.000 Jahren würde ich mich jeder scheinpräzisen Vorhersage verweigern. Denn dort beginnt nicht mehr die Wissenschaft der Prognose, sondern die Grenze dessen, was wir heute überhaupt sinnvoll wissen können.

Wie denkt ihr darüber?

Dieser Beitrag entstand unter KI-Zuhilfenahme von Fakten- und Begriffserklärungen und weiteren Zusammenhängen, beruht aber im Wesentlich auf eigenen Vorstellungen. Die 3 Bilder sind KI-generiert.

© Casus. 2026

Galileo Galilei – “Discorsi” (Eine kurze Lesung)

Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend
(1638)

Eine sehr interessante Zusammenfassung zu Galileis Betrachtungen auf Basis einer 6-tätigen Unterredung mit Salviati (wahrscheinlich er selbst), Sagredo und Simplicio (Am Ende der kurzen Zusammenfassung findet ihr ein PDF aller drei Bücher)

Galilei und die Grenzen des Wachstums – Über Riesen, Zwerge und die Geometrie der Natur
Als moderne Fragestellung: Gab oder gibt es Riesen, wie wir sie aus Fabeln und alten Erzählungen kennen und wenn ja, warum, und wenn nein, warum nicht, bzw. warum nicht so?

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KI-generiert, italienische Erstausgabe

Als Galileo Galilei 1638 seine Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze veröffentlichte, ging es ihm zunächst keineswegs um die Frage, wie groß ein Mensch oder ein Tier werden könne. Sein Ausgangspunkt war die Mechanik. Er wollte verstehen, warum große Maschinen, Schiffe, Balken und Säulen nicht einfach vergrößerte Ausgaben kleinerer Konstruktionen sein können. Doch aus dieser zunächst technischen Fragestellung entwickelte er einen Gedanken von erstaunlicher Reichweite: Die Natur setzt dem Wachstum von Körpern mechanische Grenzen. Gerade diese Überlegung macht die Discorsi bis heute so faszinierend. Galileo verbindet darin Geometrie und Mechanik auf eine Weise, die unmittelbar auf die Gestalt lebender Wesen führt. Ein Körper kann nicht beliebig vergrößert werden, indem man einfach alle seine Abmessungen im gleichen Verhältnis vervielfacht. Denn Länge, Fläche und Volumen wachsen nicht gleich schnell. Galileo lässt seine Gesprächspartner zunächst über die Festigkeit von Balken und Säulen nachdenken. Ein kleiner Körper kann eine bestimmte Belastung aushalten. Wird er jedoch geometrisch vergrößert, wächst seine Tragfähigkeit nicht im gleichen Verhältnis wie seine Masse. Schon im ersten Gespräch wird die Erfahrung aus der praktischen Mechanik herangezogen, dass größere Konstruktionen besondere Verstärkungen benötigen. Sagredo beschreibt die verbreitete Vorstellung, dass geometrisch ähnliche Körper auch mechanisch entsprechend funktionieren müssten. Salviati führt dagegen vor, dass gerade diese Annahme in die Irre führt.

Der Grund dafür lässt sich heute sehr einfach mathematisch ausdrücken. Wird ein Körper in allen drei Dimensionen mit dem Faktor k vergrößert, dann wächst seine Länge mit k, seine Fläche aber mit k² und sein Volumen mit k³. Bei gleicher Dichte gilt dasselbe für seine Masse beziehungsweise sein Gewicht. Verzehnfacht man beispielsweise jede lineare Abmessung, so wird die tragende Querschnittsfläche hundertmal größer, das Volumen und damit das Gewicht jedoch tausendmal. Damit wächst die Belastung eines geometrisch ähnlichen Körpers schneller als seine Fähigkeit, diese Belastung zu tragen. Ein zehnmal so großer Körper ist also nicht einfach ein zehnmal stärkerer Körper. Gerade bei einem Lebewesen wird diese Tatsache entscheidend: Das Gewicht nimmt schneller zu als die tragenden Querschnitte von Knochen und anderen Strukturen. An diesem Punkt führt Galileo seine berühmten Beispiele aus der Tierwelt ein. Er beobachtet, dass ein Pferd, das aus einer Höhe von etwa drei oder vier Ellen fällt, sich die Beine brechen kann, während kleinere Tiere einen vergleichbaren oder sogar größeren Fall wesentlich besser überstehen können. Er nennt insbesondere die Katze, die nach seiner Darstellung einen Fall aus acht oder zehn Ellen ohne entsprechenden Schaden überstehen kann. Für Galileo ist dies kein Zufall. Das kleinere Tier ist im Verhältnis zu seinem Gewicht mechanisch günstiger gebaut. Wird ein Tier kleiner, nimmt seine Masse schneller ab als die Fläche seiner tragenden Strukturen. Ein halb so großes Tier besitzt nur ein Viertel der entsprechenden Querschnittsfläche, aber nur ein Achtel des Volumens und damit – bei gleicher Dichte – ein Achtel des Gewichts. Relativ zu seinem Gewicht besitzt es deshalb eine größere Tragfähigkeit.

Das Gegenteil geschieht beim Riesen. Galileo formuliert diesen Gedanken mit ungewöhnlich drastischen Beispielen. Er erklärt, dass die Natur kein Pferd hervorbringen könne, das die Größe von zwanzig gewöhnlichen Pferden besitze, wenn es dabei lediglich proportional vergrößert würde. Ebenso könne man sich keinen zehnfach größeren Menschen vorstellen, dessen Körper in allen Proportionen unverändert bliebe. Ein solcher Riese würde unter seinem eigenen Gewicht mechanisch an seine Grenzen stoßen. Gerade hier liegt eine der bemerkenswertesten Einsichten Galileos. Er sagt nicht einfach, dass ein zehnmal größerer Mensch unmöglich sei. Seine Aussage ist genauer: Ein zehnmal größerer Mensch kann nicht dieselben Proportionen besitzen wie der gewöhnliche Mensch. Seine Knochen müssten im Verhältnis zum übrigen Körper wesentlich stärker ausgebildet sein. Die bloße geometrische Vergrößerung würde nicht ausreichen. Damit verändert sich aber zwangsläufig die Gestalt des Körpers. Der Riese wäre kein vergrößerter Mensch mehr, sondern ein anders proportioniertes Wesen. Seine Knochen müssten dicker werden, seine tragenden Strukturen müssten anders gestaltet sein und seine gesamte Konstruktion müsste der größeren Belastung Rechnung tragen. Dasselbe Prinzip überträgt Galileo auf die Pflanzenwelt. Eine gewaltige Eiche könne nicht einfach dadurch entstehen, dass man eine kleine Eiche proportional vergrößert. Galileo spricht von einer Eiche von 200 Ellen Höhe und macht deutlich, dass ihre Äste und tragenden Teile bei unveränderten Proportionen nicht mehr dieselben mechanischen Bedingungen erfüllen könnten.

Damit wird aus einer Betrachtung über Balken und Säulen eine allgemeine Aussage über die Natur: Wachstum verändert nicht nur die Größe eines Körpers, sondern erzwingt unter bestimmten Bedingungen eine Veränderung seiner Form.

Dieser Gedanke ist vielleicht bedeutender als die berühmte Zahl vom zehnfachen Riesen selbst. Galileo entdeckt nicht lediglich, dass große Körper schwerer sind. Er erkennt, dass beim Wachstum verschiedene geometrische Größen mit verschiedenen Gesetzmäßigkeiten zunehmen. Die Länge wächst linear, die Fläche quadratisch und das Volumen kubisch. Genau daraus entsteht die mechanische Ungleichheit zwischen großen und kleinen Körpern. Der Zwerg und der Riese bilden deshalb bei Galileo zwei Seiten desselben Problems. Der kleine Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine größere Festigkeit; der große Körper besitzt relativ zu seinem Gewicht eine geringere. Was beim Riesen zum Problem wird, wird beim Zwerg zum Vorteil. Diese Überlegung erklärt auch, warum die Natur tatsächlich Tiere sehr unterschiedlicher Größe hervorbringen kann, ohne dass Galileos Argument dadurch widerlegt wird. Ein Elefant ist schließlich kein vergrößerter Mensch und ein Wal kein vergrößerter Fisch gleicher Proportionen. Große Tiere müssen anders gebaut sein. Entscheidend ist daher nicht die absolute Größe, sondern das Verhältnis zwischen Größe, Gewicht und tragenden Strukturen. Galileos Gedanke lässt sich deshalb auf einen einfachen Satz bringen:

Die Natur kann einen Körper vergrößern, aber sie kann nicht alle seine Eigenschaften im gleichen Verhältnis mitvergrößern.

Das ist die eigentliche Bedeutung seiner Riesenpassage. Und gerade darin liegt die Modernität der Discorsi. Galileo betrachtet hier nicht mehr nur einzelne mechanische Apparate. Er entdeckt ein allgemeines Prinzip, das für Balken, Schiffe, Bäume und Tiere gleichermaßen gilt. Die Geometrie des Wachstums wird zur Grenze der mechanischen Möglichkeit.

Heute würden wir diesen Zusammenhang mit Potenzgesetzen beschreiben: Die tragende Fläche wächst wie L², das Volumen und damit bei gleicher Dichte die Masse wie L³. Galileo selbst formuliert dies noch nicht in dieser modernen algebraischen Sprache. Seine Argumentation ist geometrisch und mechanisch. Doch der Gedanke ist derselbe: Mit zunehmender Größe verschiebt sich das Verhältnis zwischen Tragfähigkeit und Gewicht. Deshalb ist Galileos Riese nicht einfach eine Kuriosität aus einem fast vierhundert Jahre alten Buch. Er ist ein Gedankenexperiment über eine fundamentale Eigenschaft unserer Welt. Ein Mensch kann nicht beliebig groß werden, indem man ihn einfach vergrößert. Ein Baum kann nicht beliebig hoch wachsen, ohne seine Architektur zu verändern. Ein Balken kann nicht beliebig verlängert werden, ohne seine Dimensionen anzupassen. Und umgekehrt zeigt der Zwerg, dass die Natur beim Kleinen einen mechanischen Vorteil besitzt.

Galileos eigentliche Entdeckung lautet damit nicht: „Riesen gibt es nicht.“ Sie lautet: Riesen können nicht nach den Proportionen von Zwergen gebaut sein. Oder, noch allgemeiner: Wo die Größe wächst, muss sich die Form anpassen.

Das ist der Kern der Riesen-und-Zwerge-Passage in Galileos Discorsi – und zugleich einer der erstaunlich modern wirkenden Gedanken seines gesamten Werkes.


Quellenlage

Primärquelle: Galileo Galilei, Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend, deutsche Übersetzung und Herausgabe Arthur von Oettingen, Leipzig 1891. Die bereitgestellte historische Ausgabe enthält die betreffende Passage im ersten Tag, S. 4–10.

Originalwerk: Galileo Galilei, Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze, Leiden, 1638. Die University of Virginia stellt eine vollständige Transkription der Crew/de-Salvio-Übersetzung bereit und ordnet die Riesenpassage dem ersten Tag, S. 1–4, zu.

Wissenschaftliche Einordnung: Michael Fowler, University of Virginia, „Scaling“, erläutert Galileos Argument anhand der Größenabhängigkeit von Fläche und Volumen.

Historische Einordnung: University of Oklahoma, „Discourse on Two New Sciences“, zur Bedeutung der Riesenpassage für Galileos Festigkeitslehre und die vergleichende Anatomie.

Wichtige Ergänzung: Galileo selbst behandelt später ausdrücklich den Einwand der riesigen Fische und erklärt, wie große Tiere durch veränderte Konstruktion bzw. geringere effektive Belastung möglich werden.

Besonders bemerkenswert finde ich dabei: Galileo hat hier nicht einfach das banale Prinzip „große Dinge sind schwerer“ formuliert. Er hat erkannt, dass beim Wachstum die drei Dimensionen gemeinsam wachsen, aber die mechanisch entscheidenden Größen mit unterschiedlichen Potenzen. Genau daraus entsteht die ganze Geschichte von Riese, Zwerg, Elefant, Maus, Baum und Balken.

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