waRuM k!nen wIr lsEn?

Ohne große Mühe haben Sie die Überschrift lesen können, obwohl dort ein wenig Kauderwelsch steht.
Ich hab vor 14 Jahren ein Jahr lang 12 digitale Zeitschriften ins Netz gestellt. Ich wollte testen, ob es möglich ist, ganz allein und ohne fremde Zuarbeit, solch ein Projekt durchzuziehen. Themen finden, recherchieren, formulieren, setzen und layouten inkl. Photoshop-Grafiken, in ein digitales Netz-Format exportieren und veröffentlichen. Von der ersten 4-seitigen Ausgabe bis zur letzten, ein auf 24 Seiten angewachsenes Format, war es mir damals ganz gut gelungen. Nach 12 Monaten hatte ich das Projekt eingestellt, der Nachweis war ja erbracht. Das FROM (Freies Online Magacine). Damals gab übrigens noch keine KI, man musste selbst noch arbeiten!
In einer dieser Ausgaben hatte ich mich mit dem Thema LESEN und Lesen-Können beschäftigt. Es ging ein wenig in eine andere Richtung als heute, aber es hatte die gleichen Grundlagen. Ich las Bücher – sofern es nicht gerade hochintellektuelle Fachliteratur war – seitenweise von links oben nach rechts unten und las auf diese Weise vielleicht 4 oder 5 Romane pro Woche. Und wusste hinterher doch, worum es ging. Heute kann und mach ich das übrigens nicht mehr, vielleicht auch, weil die zu lesende Literatur weniger an Romane erinnert.
Im aktuellen Scientific American erscheint ein Artikel, der sich mit „neuronal recycling“ beschäftigt, also in etwa „neuronales Umfunktionieren“ oder „Wiederverwenden“. Der Artikel steht hinter eine Bezahlschranke, also machen wir uns noch einmal eigene Gedanken dazu. Aufbauend auf dem 2012er-Text.

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KI-generiert


Wie kann der Mensch lesen, obwohl es Schrift erst seit wenigen tausend Jahren gibt?

Wir halten ein Buch in der Hand, sehen eine Seite voller kleiner schwarzer Zeichen und wissen nach wenigen Augenblicken, was dort steht. Wir müssen nicht überlegen, was wir mit den Zeichen anfangen sollen. Wir sehen Buchstaben, erkennen Wörter und verstehen Sätze. Lesen erscheint uns deshalb als etwas völlig Natürliches. Ist es aber nicht.

Evolutionär betrachtet ist Lesen eine sehr junge Errungenschaft. Die ältesten bekannten Schriftsysteme sind gerade einmal etwa 5.000 Jahre alt. Der moderne Mensch existiert dagegen seit rund 300.000 Jahren. Das bedeutet: Fast die gesamte Geschichte des Homo sapiens verlief ohne Schrift. Wie also kann unser Gehirn etwas so mühelos leisten, wofür es während der Evolution niemals speziell ausgewählt worden sein kann? Die Antwort liegt vielleicht in einer erstaunlichen Eigenschaft unseres Gehirns: Es ist kein starr vorprogrammiertes Organ. Es kann bereits vorhandene Fähigkeiten miteinander verbinden und für neue Aufgaben nutzen. Lesen ist deshalb weniger eine Fähigkeit, die die Evolution eigens hervorgebracht hat, sondern vielmehr eine kulturelle Erfindung, die sich die vorhandene Architektur unseres Gehirns zunutze macht.

Unser Gehirn besitzt beispielsweise hochentwickelte Systeme zur visuellen Mustererkennung. Wir müssen innerhalb kürzester Zeit erkennen können, ob wir einen Menschen, ein Tier, einen Gegenstand oder ein Hindernis vor uns haben. Dabei interessiert sich das Gehirn nicht nur für einzelne Punkte oder Linien. Es erkennt Formen, Anordnungen und charakteristische Muster. Genau diese Fähigkeit können wir beim Lesen verwenden. Ein Buchstabe ist zunächst nichts weiter als ein bestimmtes Muster aus Linien und Kurven. Unser Gehirn lernt, diese Muster zuverlässig voneinander zu unterscheiden. Aus einem „M“ wird ein „M“, aus einem „A“ ein „A“. Dabei spielt es keine entscheidende Rolle, ob das A groß oder klein geschrieben wird oder welche Schriftart verwendet wird. Das Gehirn erkennt hinter den unterschiedlichen Formen eine gemeinsame abstrakte Struktur.

Damit ist allerdings erst die erste Hürde genommen. Denn Lesen bedeutet nicht nur, Zeichen zu erkennen. Die visuellen Informationen müssen mit unserem Sprachsystem verbunden werden. Aus den Zeichen werden Laute beziehungsweise sprachliche Einheiten, aus diesen werden Wörter und aus den Wörtern werden Sätze und es entsteht Bedeutung.

Wenn wir beispielsweise das Wort „Meer“ lesen, sehen wir nicht einfach vier Buchstaben. Unser Gehirn verbindet die visuelle Form mit einem bekannten sprachlichen Begriff. Gleichzeitig können Erinnerungen und Vorstellungen aktiviert werden: Wasser, Wellen, ein Schiff, Salzgeruch oder vielleicht eine ganz persönliche Erfahrung und wir denken zum Beispiel an die Ostsee. Innerhalb kürzester Zeit wird aus einigen abstrakten Linien ein gedanklicher Inhalt.

Es gibt umfangreiche Literatur zu diesem Phänomen. Neurowissenschaftler wie Stanislas Dehaene haben diesen Vorgang intensiv untersucht. (z.B. Stanislas Dehaene „LeSEN“). Dabei zeigt sich, dass beim Lesen unter anderem ein Bereich im linken ventralen Teil der Großhirnrinde eine wichtige Rolle spielt. (ventral: nach vorn im Körper; im Gegensatz zu dorsal: nach hinten). In der Literatur wird er häufig als „Visual Word Form Area“ bezeichnet. Bei Viel-Lesern reagiert dieser Bereich besonders zuverlässig auf Buchstaben und Buchstabenfolgen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Evolution vor einigen Millionen Jahren bereits ein kleines „Lesezentrum“ in unser Gehirn eingebaut hätte. Davon können wir nicht ausgehen, befürchte ich jedenfalls. Das wäre zeitlich unmöglich. Vielmehr handelt es sich um ein Beispiel dafür, was Dehaene als „neuronales Recycling“ bezeichnet: Bereits vorhandene neuronale Strukturen werden für eine neue kulturelle Tätigkeit genutzt.

Vielleicht wird es so verständlicher für uns. Wir stellen uns vor, jemand erfindet ein neues Werkzeug, für das es ursprünglich keine Maschine gibt. Statt eine völlig neue Maschine zu bauen, stellt er fest, dass eine vorhandene Maschine mit einigen Veränderungen bereits einen großen Teil der Aufgabe erledigen kann. Ähnlich verhält es sich beim Lesen. Die Evolution hat uns kein Gehirn zum Lesen gegeben. Sie hat uns aber ein Gehirn gegeben, das hervorragend sehen, unterscheiden, speichern, lernen, Sprache verarbeiten und neue Zusammenhänge herstellen kann. Noch erstaunlicher ist, dass sich die Schrift selbst offenbar an diese Eigenschaften des menschlichen Gehirns angepasst hat. Schriftsysteme mussten so funktionieren, dass unser Gehirn sie zuverlässig unterscheiden und verarbeiten konnte. Die Geschichte der Schrift ist deshalb nicht nur eine Geschichte kultureller Erfindungen, sondern gewissermaßen auch eine Geschichte darüber, wie der Mensch gelernt hat, sein eigenes Gehirn auszunutzen.

Das erklärt auch, warum wir nicht jedes einzelne Wort mühsam Buchstabe für Buchstabe entziffern müssen. Ein geübter Leser erkennt viele Wörter praktisch als Ganzes. Gleichzeitig kann das Gehirn kleinere Einheiten analysieren und unbekannte Wörter aus ihren Bestandteilen erschließen. Lesen ist deshalb ein Zusammenspiel verschiedener Verarbeitungsebenen, die sich durch Übung immer stärker automatisieren. Das ist vielleicht auch der Grund, warum diagonales Lesen funktioniert – nach einiger Übung.

Wie aber lernen wir das? Ein Kleinkind, das gerade lesen lernt, muss sich bewusst auf einzelne Buchstaben konzentrieren. Es muss beispielsweise lernen, dass bestimmte Zeichen mit bestimmten Lauten verbunden sind. Lesen ist zunächst langsam und anstrengend. Mit zunehmender Übung werden die Verbindungen immer automatischer. Irgendwann können wir ein Wort kaum noch anschauen, ohne es innerlich zu „lesen“.

Das führt zu einem bemerkenswerten Paradox: Wir haben das Lesen kulturell erfunden, aber unser Gehirn behandelt die erlernte Fähigkeit schließlich beinahe so selbstverständlich wie eine natürliche Wahrnehmung. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass die Fähigkeit des Gehirns, solche neuen Fertigkeiten zu erlernen, selbst eine lange evolutionäre Geschichte besitzt. Die Evolution musste also nicht das Lesen vorhersehen. Sie musste lediglich ein ausreichend flexibles Nervensystem hervorbringen. Dieses Nervensystem sollte lernen können, neue Zusammenhänge herzustellen und sich an veränderte Anforderungen anzupassen.

Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt. Der Mensch besitzt nicht für jede kulturelle Erfindung ein eigenes angeborenes Gehirnmodul. Wir besitzen vielmehr ein Gehirn mit einer außergewöhnlichen Lernfähigkeit. Deshalb können wir lesen, schreiben, rechnen, Musikinstrumente spielen, Karten verstehen oder heute sogar Programmiersprachen erlernen – obwohl keine dieser Tätigkeiten während des größten Teils unserer evolutionären Geschichte existierte.

Beim Lesen zeigt sich diese Besonderheit besonders deutlich. Zwischen der Entstehung der ersten Schrift und unserer heutigen Fähigkeit, komplizierte Texte zu lesen, liegen nur wenige tausend Jahre. Für die biologische Evolution ist das ein verschwindend kurzer Zeitraum. Trotzdem können wir aus kleinen schwarzen Zeichen auf einer Seite ganze Welten entstehen lassen. Vielleicht liegt gerade darin eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns: Es musste nicht für die Zukunft wissen, was wir einmal erfinden würden. Es musste nur flexibel genug sein, um sich auf das einzustellen, was wir erfinden.

Wir haben kein Gehirn bekommen, das lesen kann. Wir haben ein Gehirn bekommen, das lernen kann, zu lesen. Und in naher oder ferner Zukunft vielleicht noch viel mehr Möglichkeiten entwickelt, die wir heute nicht einmal ahnen.
hAptscHe, wR gEBn iHm Di zit dF!r.

© Casus. 2026


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