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Das ‘Capa-Haus’ goes west: Listen to Ralph Bristol at WTN99.7

Das ‘Capa-Haus’ hat ja in den letzten Wochen und Monaten für einige Furore in Leipzig gesorgt:
Erst wollte sich die Stadt der aufwändigen Denkmalpflege entledigen, erteilte eine Abrissgenehmigung, ließ den Gebäudekomplex versteigern.
Doch da sind einige Leipziger überhaupt nicht mit einverstanden. Und sie sind nicht allein; hiesige und internationale Medien berichten nahezu täglich, Journalisten haben sich auf Spurensuche begeben, Karoline Kleibert vom Mitteldeutschen Rundfunk hat eine aufwändig recherchierte und handwerklich geschickt gemachte Dokumentation ausgestrahlt (zurzeit noch in der Mediathek zum Nachsehen). Schließlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Regisseur Steven Spielberg, der für seinen Film “Saving Private Ryan” (Der Soldat James Ryan) Hunderte Capa-Fotos gesichtet hatte, uns im Bemühen um den Erhalt des Hauses unterstützt.


Hier, wo der “Last man to die” (“Der letzte Tote des Krieges”) – so die Bildunterschrift unter dem Foto von Robert Capa – seine Identität wiedergefunden hat, hier, wo das Verbrechen beim Namen genannt wird, wo die die vielen Tausend und Millionen Kriegstoten am historisch belegten und ganz konkreten Schicksal Gesicht zeigen – hier helfen abwertende Stammtischbemerkungen a la “Es gab viele Tote, das war nun mal so” keinen Zentimeter weiter. Hier schlägt die Unmenschlichkeit jedes Krieges ins staunende Gesicht des verdutzten Betrachters.
Das ‘Capa-Haus’ steht stellvertretend für eine Generation Zerstörung und es verschwinded für eine Generation Geschichtsklitterung.
Das muss verhindert werden!
Heute lief auf dem US-amerikanischen Rundfunksender WTN 99.7 ein Interview mit Lehman Riggs und Jon Overholt, die beide auf Einladung des mdr kürzlich in Leipzig weilten.
Lehman Riggs, der letzte Überlebende der 2. US-Infanteriedivision, die in den Tagen des 18. April 1945 Leipzig von der faschistischen Diktatur befreite. Sechs Wochen, bevor die Sowjetarmee einmarschierte.
Lehman Riggs musste zusehen, wie sein Kamerad Raymond J. Bowman auf dem Balkon des Hauses in der heutigen Jahnallee 61 starb.
Robert Capa, der mit mehr als 4.000 Kriegsfotos den 2. Weltkrieg vor dem Vergessen rettete, drückte auch hier geistesgegenwärtig auf den Auslöser. “Last man to die” – die letzte Chance für den Erhalt eines der wohl letzten Zeugnisse des Weltkriegsgrauens.
Wer sich der Initiative zum Erhalt des “Capa-Hauses” im Leipziger Stadteil Lindenau anschließen möchte, findet etwas weiter unten den link zur Offenen facebook-Gruppe.

Das Interview auf WTN 99.7 hier zum Nachhören:

Die Ankündigung: [podcast, 0:39min]

Das Interview: [podcast, 13:37min]

Link zum Thema:
Offene facebook-Gruppe

(c)casus. 2012
Grafik: web

»» Der Politische Asche-Mittwoch ««­ Folge 49 ‘Heute ist der 18. April’

Leipzig, im April 1945

Längst ist der Krieg entschieden, nur vereinzelt verstecken sich in letzter Hektik rekrutierte Kindersoldaten hinter den weißen Laken der Kapitulation.

So auch ein 15jähriges Leipziger Kinderkind, das noch nie den Rückschlag einer Panzerfaust zu spüren bekam, aber genau in dieser Minute am Felsenkeller einen amerikanischen Panzer attakiert. Nicht nur die US-Soldaten verbrennen, auch der kleine deutsche Rebell wird standrechtlich an Ort und Stelle exekutiert.
Andere, wie der damals 23jährige Wehrmachts-Unteroffizier Bruno C. (Name geändert), sind aus dem nahegelegenen Lazarett in die Innenstadt gelaufen, um die Amerikaner zu sehen, ungeachtet der Gefahr, jederzeit verhaftet oder durch einen Querschläger tödlich verwundet zu werden.
Noch ist der Krieg Alltag, die Gefahr keinen Gedanken wert.
In der Jahnallee 61, im zweiten Stock eines Wohnhauses am nahegelegenen Palmengarten schießt der Fotograf Robert Capa eines seiner wohl berühmtesten Fotos. Als ‘Der letzte Tote des Krieges’ geht es später durch den internationalen Blätterwald. Im Life-Magazin vom 14. Mai 1945 wird es erstmalig, noch mit verpixelten Gesichtern, abgedruckt. Erst nach Gewissheit, dass die abgebildete Person verstorben ist, werden die Klarfotos freigegeben.
Leipzig hat kapituliert, im Rathaus begeht der Bürgermeister Gift-Selbstmord und zwingt seine Familie samt Frau, Tochter und zwei kleine Enkel mit in den gewaltsamen Freitod. Auch diese Fotos finden sich im erwähnten Life-Magazin.

Die Grausamkeit des Krieges hat an diesem Tag noch einen weiteren Namen in Leipzig: Abtnaundorf.
Hinter der dortigen Flugzeugfabrik haben die Deutschen eine Außenstelle des KZ Buchenwalds errichtet.
Mit dem Herannahen US-amerikanischer Bodentruppen beginnen ab dem 13. April 1945 hektische ‘Räumungsarbeiten’. Die Häftlinge werden von SS, Gestapo und Volkssturmmännern auf den Todesmarsch geschickt. Alte, Kranke, Behinderte bleiben zurück. 300 von ihnen werden in eine Baracke gepfercht, das Gebäude wird angezündet, die Wachen gehen in Stellung und erschießen jeden, der als brennende Fackel das Inferno verlässt. Wer nicht von Gewehr- oder MG-Feuer getroffen wird, bleibt im stromführenden Stacheldraht hängen oder wird von Panzern überrollt. Mindestens 80 Menschen verlieren auf grausamste Weise ihr Leben.

Erst eine Woche später kann der amerikanische 1st Lt. William G. Frost dieses Verbrechen öffentlich machen. Auf Befehl seines Hauptquartiers Provisional Detachment ‘A’ leitet er die Versorgung der Überlebenden und Bestattung der Getöteten.

Die Wunden der Tage um den 18. April 1945 sind auch heute, genau 67 Jahre später, noch nicht verheilt.
Doch einige Leipziger haben es den letzten lebenden Zeitzeugen diese Tage versprochen:
Wir werden die Zeit nicht vergessen!
Nicht das Andenken an die vielen Toten dieser unmenschlichen Zeit, nicht die Taten der Befreier, nicht die Orte der Geschehnisse.
Und wir werden Verantwortliche in der Stadt in die Pflicht nehmen, unserem Gedenken auch öffentlich Ausdruck zu verleihen.

Am 6. Mai erinnert die Initivgruppe “Gedenkmarsch” an die schrecklichen Geschehnisse im KZ Abtnaundorf mit einem Erinnerungsmarsch (mehr Informationen dazu auf gedenkmarsch-leipzig.de) und die Initiative zur Rettung des ‘Capa-Hauses’ verstärkt ihr Bemühen, neben dem Erhalt des längst zum Kriegsdenkmal avancierten Wohnhauses in der Jahnallee 61, die angrenzende Straße zum Palmengarten in ‘Raymond-J.-Bowman-Straße’ umzubenennen.

Ein iPod zum Vergessen ist schnell gekauft; den Vorkämpfern unserer Freiheit zu gedenken kostet ungemein mehr Engagement. Doch ohne sie würden die Bilder der letzten Toten des Krieges nicht auf unseren elektronischen Spielzeugen ablaufen.

Leipzig, im April 2012

(c)casus. 2012

Der Journalist Helge-Heinz Heinker im Podiumsgespräch mit Lehman Riggs, US-Soldat im WWII und am 18. April 1945 in Leipzig (Ausschnitt)
[podcast, 8:42min]

Links zum Thema:
Initiative ‘Gedenkmarsch’ http://www.gedenkmarsch-leipzig.de
Initiative ‘Capa-Haus’ https://www.facebook.com/groups/capa.haus/
‘Hitlers letzte Opfer – Leipzig und das Kriegsende’, ein Film von Karoline Kleinert, mdr-Fernsehen am 8. Mai 2012, 20:45 Uhr http://www.mdr.de/tv/programm/sendung117230.html

Foto/Montage: US-Dept./casus