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»» Der Politische Asche-Mittwoch ««­ Folge 49 ‘Heute ist der 18. April’

Leipzig, im April 1945

Längst ist der Krieg entschieden, nur vereinzelt verstecken sich in letzter Hektik rekrutierte Kindersoldaten hinter den weißen Laken der Kapitulation.

So auch ein 15jähriges Leipziger Kinderkind, das noch nie den Rückschlag einer Panzerfaust zu spüren bekam, aber genau in dieser Minute am Felsenkeller einen amerikanischen Panzer attakiert. Nicht nur die US-Soldaten verbrennen, auch der kleine deutsche Rebell wird standrechtlich an Ort und Stelle exekutiert.
Andere, wie der damals 23jährige Wehrmachts-Unteroffizier Bruno C. (Name geändert), sind aus dem nahegelegenen Lazarett in die Innenstadt gelaufen, um die Amerikaner zu sehen, ungeachtet der Gefahr, jederzeit verhaftet oder durch einen Querschläger tödlich verwundet zu werden.
Noch ist der Krieg Alltag, die Gefahr keinen Gedanken wert.
In der Jahnallee 61, im zweiten Stock eines Wohnhauses am nahegelegenen Palmengarten schießt der Fotograf Robert Capa eines seiner wohl berühmtesten Fotos. Als ‘Der letzte Tote des Krieges’ geht es später durch den internationalen Blätterwald. Im Life-Magazin vom 14. Mai 1945 wird es erstmalig, noch mit verpixelten Gesichtern, abgedruckt. Erst nach Gewissheit, dass die abgebildete Person verstorben ist, werden die Klarfotos freigegeben.
Leipzig hat kapituliert, im Rathaus begeht der Bürgermeister Gift-Selbstmord und zwingt seine Familie samt Frau, Tochter und zwei kleine Enkel mit in den gewaltsamen Freitod. Auch diese Fotos finden sich im erwähnten Life-Magazin.

Die Grausamkeit des Krieges hat an diesem Tag noch einen weiteren Namen in Leipzig: Abtnaundorf.
Hinter der dortigen Flugzeugfabrik haben die Deutschen eine Außenstelle des KZ Buchenwalds errichtet.
Mit dem Herannahen US-amerikanischer Bodentruppen beginnen ab dem 13. April 1945 hektische ‘Räumungsarbeiten’. Die Häftlinge werden von SS, Gestapo und Volkssturmmännern auf den Todesmarsch geschickt. Alte, Kranke, Behinderte bleiben zurück. 300 von ihnen werden in eine Baracke gepfercht, das Gebäude wird angezündet, die Wachen gehen in Stellung und erschießen jeden, der als brennende Fackel das Inferno verlässt. Wer nicht von Gewehr- oder MG-Feuer getroffen wird, bleibt im stromführenden Stacheldraht hängen oder wird von Panzern überrollt. Mindestens 80 Menschen verlieren auf grausamste Weise ihr Leben.

Erst eine Woche später kann der amerikanische 1st Lt. William G. Frost dieses Verbrechen öffentlich machen. Auf Befehl seines Hauptquartiers Provisional Detachment ‘A’ leitet er die Versorgung der Überlebenden und Bestattung der Getöteten.

Die Wunden der Tage um den 18. April 1945 sind auch heute, genau 67 Jahre später, noch nicht verheilt.
Doch einige Leipziger haben es den letzten lebenden Zeitzeugen diese Tage versprochen:
Wir werden die Zeit nicht vergessen!
Nicht das Andenken an die vielen Toten dieser unmenschlichen Zeit, nicht die Taten der Befreier, nicht die Orte der Geschehnisse.
Und wir werden Verantwortliche in der Stadt in die Pflicht nehmen, unserem Gedenken auch öffentlich Ausdruck zu verleihen.

Am 6. Mai erinnert die Initivgruppe “Gedenkmarsch” an die schrecklichen Geschehnisse im KZ Abtnaundorf mit einem Erinnerungsmarsch (mehr Informationen dazu auf gedenkmarsch-leipzig.de) und die Initiative zur Rettung des ‘Capa-Hauses’ verstärkt ihr Bemühen, neben dem Erhalt des längst zum Kriegsdenkmal avancierten Wohnhauses in der Jahnallee 61, die angrenzende Straße zum Palmengarten in ‘Raymond-J.-Bowman-Straße’ umzubenennen.

Ein iPod zum Vergessen ist schnell gekauft; den Vorkämpfern unserer Freiheit zu gedenken kostet ungemein mehr Engagement. Doch ohne sie würden die Bilder der letzten Toten des Krieges nicht auf unseren elektronischen Spielzeugen ablaufen.

Leipzig, im April 2012

(c)casus. 2012

Der Journalist Helge-Heinz Heinker im Podiumsgespräch mit Lehman Riggs, US-Soldat im WWII und am 18. April 1945 in Leipzig (Ausschnitt)
[podcast, 8:42min]

Links zum Thema:
Initiative ‘Gedenkmarsch’ http://www.gedenkmarsch-leipzig.de
Initiative ‘Capa-Haus’ https://www.facebook.com/groups/capa.haus/
‘Hitlers letzte Opfer – Leipzig und das Kriegsende’, ein Film von Karoline Kleinert, mdr-Fernsehen am 8. Mai 2012, 20:45 Uhr http://www.mdr.de/tv/programm/sendung117230.html

Foto/Montage: US-Dept./casus