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Die Wellenreiterin (by Theos Thanatos)
Es ist der heißeste Tag des Jahres.
Das Bordthermometer zeigt 34,8 Grad an und ist gut gegen Sonne gesichert im Heckbereich der Undine angebracht. Das Schiff liegt an der Pier am Neuen Strom in Rostock-Warnemünde. Die Besatzung, zwei Kapitäne, ein Maschinist, ein Decksmann. Alle geschniegelt und gebügelt. Die Uniformen jedenfalls.
Undine ist noch keine vier Wochen alt. Gebaut im polnischen Swinoujscie und schon jetzt das Flaggschiff der Rostocker Seebestatter um die Kapitäne Lohmannn und Brandt.

(c)casus. 2013.
Wind 1, beinah spiegelglatte See. Lediglich die vor 30 Minuten ausgelaufene AIDAmar hat das Meer leicht aufgewühlt und der erbarmungslos strahlende Planet über uns, der eigentlich ein Stern ist, lässt seine Strahlen leichtfüßig auf den kleinen Wellen tanzen.
Einen Blick haben wir dafür kaum…
Zwei Seemeilen vor der Küste, die Skyline Warnemündes ist noch zu ahnen, haben wir die Zielposition erreicht. Hier finden Seeleute und Landratten ihre letzte Ruhestätte. Wenn sie es denn möchten.
Es fragt niemand mehr danach, ob die oder der Verstorbene einen wirklichen Bezug zur See hatte oder vielleicht nur einmal im Urlaub einen Goldfisch im Aquarium gefüttert hat.
Die Seebestattung hat ihren Platz inmitten der Gesellschaft gefunden und wird diesen in Anbetracht der steigenden Folgekosten landseitiger Friedhöfe eher ausbauen denn verteidigen.
Die Undine ist auf alles vorbereitet.
Von der anonymen Bestattung bis zur Begleitung durch 80 hinterbliebene Angehörige und Freunde, von der Trauerfeier durch den Kapitän oder einen seefesten Pfarrer – den blau-weiß-schwarzen 400-PSer lässt die Zeremonie kalt. Für uns dagegen ist der Akt der Beisetzung ergreifend, denn auch wenn die genaue GPS-Position dokumentiert wird, Christel wird nie wieder Besuch empfangen können.
Mir kommen während der circa dreißig minütigen Fahrt auf See noch einmal Gedanken an eine kürzliche Beisetzung an Land auf. Eine Friedhofsverwaltung hatte stellvertretend für den Pfarrer das Wort Gottes durch den Seelsorger verwehrt. Was mich damals zunächst schockierte -> Keine Worte für Alfred. Der Verstorbene war nicht oder nicht mehr Mitglied der Gemeinde. Später musste ich mich mehrfach eines Besseren belehren lassen. Der Tenor der Aussagen: auch ein ausgetretener Kaninchenzüchter muss auf Leistungen des Vereins verzichten. Und – auch die Pfarreien sind in der materiellen Welt angekommen. Personelle und finanzielle Ansprüche müssen dem Wort Gottes angepasst werden.
Wenn kirchliches Handeln beim Gottesdienst oder der Bestattung „…im Namen Gottes“ spricht, so muss es um die Herauslösung und quasi Loslösung ihres Anspruchs religiöser Bindungen aus einer säkularisierten Welt wissen.
Wenden sich Menschen von der Kirche ab, kann dies unterschiedlichste Ursachen haben. Nach meinen Erfahrungen jedoch werden diese Menschen keineswegs unreligiös. Im Gegenteil. Sie beschränken ihre Gläubigkeit nicht mehr auf den sonntäglichen Gottesdienst. Sie leben die „Gemeinde“ in ihrem Alltag und nicht nur zu kirchlichen Gemeindeveranstaltungen.
Es wird immer wieder behauptet, die Gemeinde sei vor allem in größeren Städten nicht mehr da. Die Kirche aber geht weiterhin davon aus. So muss die Selbstverständlichkeit des christlichen Glaubens den gläubigen Menschen auch wahrnehmen. Die Form seiner Bindung an das Evangelium ist unerheblich.
Ist dieser Schritt vollzogen, anerkennt kirchliches Handeln und Reden den gläubigen Menschen bei der Bestattung, dann wird der Ausschließlichkeitsanspruch, wie wir ihn bereits erlebt haben, relativiert. Der verstorbene Mensch erfährt die Milde und Großzügigkeit eines nicht entfremdeten Glaubens.
Am Sarge eines Menschen entscheidet sich, ob Gott oder Theos Thanatos die Oberhand gewinnen und der Reise in die Ewigkeit beiwohnen.
Aber ich schweife ab, auch auf See bleibt die Uhr nicht stehen.
Die Undine hat eine Ehrenrunde gedreht, 8 Glasen aus der Schiffsglocke bezeugen den vollzogenen Beisetzungsakt. Noch bevor wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, werden sich Christels leibliche Überreste mit dem Meer vereinigt haben.
Die Wellenreiterin ist angekommen.
Mit dem Sterben endet das Hiersein.
Der Tod ist das Ende des Sterbens und der Übergang zum Dasein.
Das Leben ist nicht an Mensch und Natur gebunden.
Das Leben ist unsterblich.
(c)Foto & Montage: Casus, Text: Theos Thanatos
Bei einigen Gedanken habe ich mich von Rohden Wilhelm und Horst Lahr inspirieren lassen. Siehe auch ‚Wasser, Ring und Erde‘ Handreichung für Lehre und Ordnung in Taufe, Trauung u. Bestattung.
Das kann doch einen Seemann nicht begraben…
“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”
Es ist eine Mär, dass es den Seemann aufs Meer zieht.
Es zieht ihn an Land, immer und immer wieder, vom ersten Tag an.
Auch ist es ihm eine Greuel, mit einer Seebestattung die letzte Ruhe finden zu sollen. Der Seemann braucht festen Boden unter den Füßen, daheim bei seiner Liebsten oder seinen vielen Liebsten und Zweitliebsten. Auf See bleibt er nur, wenn Poseidon ihn bei schwerer See zu sich holt. Dann aber gegen seinen Willen.
Die landläufig ‘Seebestattung’ genannte Verabschiedung eines Verstorbenen in die Nach-Lebenszeit hat nun wirklich überhaupt nichts mit einer Seebestattung zu tun. Die See bestatten zu wollen dürfte genau so mühsam sein wie den Mars zu besiedeln. Auch wenn ‘Curiosity’ gerade heute begonnen hat, blaues Wasser auf dem roten Planeten zu suchen.
Wir haben abgelegt, das ewige Leuchtfeuer backbord voraus und in wenigen Minuten wird Warnemünde achtern nur noch als Strich am Horizont auszumachen sein. Das aufgehübschte Künstenmotorschiff hat kürzlich erst zwei neue Volvo Penta Motoren spendiert bekommen; es bestattet jetzt umweltfreundlich und wirtschaftlich obendrein. Unser Gewissen könnte diese Beruhigung durchaus gebrauchen, denn Opa, der noch nie in seinem Leben auch nur einen seiner Füße auf einen schippernden Kahn gesetzt hatte, musste es uns noch einmal geben: Mein letzter Wille – Ich gehöre auf See und will auch dort bestattet werden.
Dabei ist das so einfach gar nicht, wenigstens etwas glaubwürdig muss man schon darlegen, warum eine Seebestattung infrage kommt. Irgendeinen Bezug zur See muss man sich also aus dem Finger saugen, ich habe jedes Jahr an der Ostsee Urlaub gemacht reicht schon aus. Kontrolliert wird es (hoffentlich) nicht.
Opa will uns damit ja auch nur eins auswischen. Noch eins. Aber es ist das letzte Mal. Da bin ich mir sicher.
Nun steht die Urne mit seiner Asche leicht gezurrt an Deck der MS Polonia, so dass ich schon befürchtete, sie könne bei dieser schweren See vorzeitig über Bord gehen. Zumindest krängt die Barke mindestens 30 Grad in jede Richtung, Hin und Her. Opa hätte seine Freude an unserer Blässe.
Der 500 PS Volvo verstummt, der Kapitän bittet uns an Deck, labert ein paar Worte von letzter Ruhe und würdigem Abschied, 12 Glasen mit der Schiffsglocke begleiten die Papierurne in die See.
Tschüß Opa. In sechs Stunden hat sich das Gefäß aufgelöst, die Asche im Meer verteilt. Auch Badegäste und Fischernetze werden Opa nicht wieder zu Gesicht bekommen. Genauso hat er es gewollt. Er hat immer seinen Willen durchgesetzt.
Nur den letzten Wunsch erfüllen wir ihm nicht, denn auch, wenn wir die genaue GPS-Position auf der historisch wirkenden Bestattungsurkunde verewigt haben, Opa ist jetzt überall, nur nicht hier.
Auf der Rückfahrt hat sich die See etwas gelegt oder wir haben uns daran gewöhnt. Beides ist nicht unangenehm. Die vierte Flasche Küstennebel tut ein Übriges und wer weiß, ob wir den festen Boden an Warnemünde-Land nachher wirklich spüren. Es wird wohl weiterschaukeln.
Das Grab im Meer ist nichts für einen Seemann.
(c) und Foto: casus. 2012

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