Getagged: schwere See

Das kann doch einen Seemann nicht begraben…

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Es ist eine Mär, dass es den Seemann aufs Meer zieht.
Es zieht ihn an Land, immer und immer wieder, vom ersten Tag an.
Auch ist es ihm eine Greuel, mit einer Seebestattung die letzte Ruhe finden zu sollen. Der Seemann braucht festen Boden unter den Füßen, daheim bei seiner Liebsten oder seinen vielen Liebsten und Zweitliebsten. Auf See bleibt er nur, wenn Poseidon ihn bei schwerer See zu sich holt. Dann aber gegen seinen Willen.

Die landläufig ‘Seebestattung’ genannte Verabschiedung eines Verstorbenen in die Nach-Lebenszeit hat nun wirklich überhaupt nichts mit einer Seebestattung zu tun. Die See bestatten zu wollen dürfte genau so mühsam sein wie den Mars zu besiedeln. Auch wenn ‘Curiosity’ gerade heute begonnen hat, blaues Wasser auf dem roten Planeten zu suchen.

Wir haben abgelegt, das ewige Leuchtfeuer backbord voraus und in wenigen Minuten wird Warnemünde achtern nur noch als Strich am Horizont auszumachen sein. Das aufgehübschte Künstenmotorschiff hat kürzlich erst zwei neue Volvo Penta Motoren spendiert bekommen; es bestattet jetzt umweltfreundlich und wirtschaftlich obendrein. Unser Gewissen könnte diese Beruhigung durchaus gebrauchen, denn Opa, der noch nie in seinem Leben auch nur einen seiner Füße auf einen schippernden Kahn gesetzt hatte, musste es uns noch einmal geben: Mein letzter Wille – Ich gehöre auf See und will auch dort bestattet werden.
Dabei ist das so einfach gar nicht, wenigstens etwas glaubwürdig muss man schon darlegen, warum eine Seebestattung infrage kommt. Irgendeinen Bezug zur See muss man sich also aus dem Finger saugen, ich habe jedes Jahr an der Ostsee Urlaub gemacht reicht schon aus. Kontrolliert wird es (hoffentlich) nicht.
Opa will uns damit ja auch nur eins auswischen. Noch eins. Aber es ist das letzte Mal. Da bin ich mir sicher.

Nun steht die Urne mit seiner Asche leicht gezurrt an Deck der MS Polonia, so dass ich schon befürchtete, sie könne bei dieser schweren See vorzeitig über Bord gehen. Zumindest krängt die Barke mindestens 30 Grad in jede Richtung, Hin und Her. Opa hätte seine Freude an unserer Blässe.

Der 500 PS Volvo verstummt, der Kapitän bittet uns an Deck, labert ein paar Worte von letzter Ruhe und würdigem Abschied, 12 Glasen mit der Schiffsglocke begleiten die Papierurne in die See.
Tschüß Opa. In sechs Stunden hat sich das Gefäß aufgelöst, die Asche im Meer verteilt. Auch Badegäste und Fischernetze werden Opa nicht wieder zu Gesicht bekommen. Genauso hat er es gewollt. Er hat immer seinen Willen durchgesetzt.
Nur den letzten Wunsch erfüllen wir ihm nicht, denn auch, wenn wir die genaue GPS-Position auf der historisch wirkenden Bestattungsurkunde verewigt haben, Opa ist jetzt überall, nur nicht hier.

Auf der Rückfahrt hat sich die See etwas gelegt oder wir haben uns daran gewöhnt. Beides ist nicht unangenehm. Die vierte Flasche Küstennebel tut ein Übriges und wer weiß, ob wir den festen Boden an Warnemünde-Land nachher wirklich spüren. Es wird wohl weiterschaukeln.
Das Grab im Meer ist nichts für einen Seemann.
(c) und Foto: casus. 2012