Der Zeit-Aufstand oder die Verschwörung der drei Caspars
Die Protagonisten und der unbändige Geist, es besser zu wissen
aus den Büchern “SOS auf El Amal”, “Die Kunst des Bestattens” und “Das Sterbewerk”
Eine uhrländische Geschichte vom Widerstand, der Männerfreundschaft und der gefährlichen Macht einer Frau, die weiß, was sie will.

Im fernen Uhrland, einem kleinen, ausgesprochen eigensinnigen Königreich zwischen Gestern und Morgen, hatte der König eine Verordnung erlassen, die das Land in seinen Grundfesten erschütterte. In der Nacht zum Sonntag sollte die Zeit zurückgestellt werden. Eine ganze Stunde sollte verschwinden. Einfach so. Ohne Abschied, ohne Trauerfeier und, was besonders empörend war, ohne vorherige Anhörung der Betroffenen.
„Eine Stunde meines Lebens“, knurrte Caspar Tide, „wird mir niemand wegnehmen. Ich habe acht Jahre auf See verbracht, habe Stürme überlebt, die selbst dem Atlantik die Frisur ruiniert hätten, und ich habe mich mit Maschinen herumgeschlagen, deren Bedienungsanleitungen vermutlich vom Teufel persönlich verfasst worden waren. Aber dass irgendein Uhrmacher im Palast beschließt, ich hätte morgen sechzig Minuten übrig, die ich gestern noch nicht hatte, das geht zu weit.“
Er saß in einer Hafenkneipe am Rande der Hauptstadt. Vor ihm stand ein Kaffee, der so schwarz war, dass man darin die Zukunft hätte lesen können, sofern man bereit war, sie mit drei Stück Zucker zu beschönigen.
Ihm gegenüber saß Caspar da Vita, Bestatter aus Leidenschaft und Philosoph aus Gewohnheit. Er trug einen dunklen Anzug, der selbst dann noch tadellos saß, wenn die Welt um ihn herum aus den Fugen geriet.
„Rein handwerklich betrachtet“, erklärte da Vita, „ist die Zeit ohnehin ein schwieriger Kunde. Sie kommt ungefragt, lässt sich nicht aufhalten und nimmt am Ende jeden mit. Aber sie hat wenigstens den Anstand, normalerweise nur in eine Richtung zu laufen. Wenn wir jetzt anfangen, sie zurückzudrehen, brauchen wir irgendwann noch einen zweiten Totenschein für denselben Verstorbenen.“
„Und wer bezahlt den?“ fragte Tide.
„Das ist nicht der entscheidende Punkt.“
„Für mich schon.“
Am anderen Ende des Tisches saß Gordon Blöh, dessen Verhältnis zu Vorschriften ungefähr dem eines hungrigen Wolfes zu einem vegetarischen Kochkurs entsprach. Er hatte die Hände um sein Bier gelegt und betrachtete die beiden Caspars mit jener Mischung aus Sympathie und leiser Verachtung, die er gewöhnlich Menschen entgegenbrachte, die glaubten, mit Vernunft ließe sich irgendetwas Wesentliches erreichen.
„Ihr denkt zu klein“, sagte er. „Es geht nicht um sechzig Minuten. Es geht um die Freiheit des Individuums. Heute nehmen sie uns eine Stunde. Morgen schreiben sie vor, wann wir zu lachen haben. Übermorgen wird das Sterben auf Dienstagvormittag zwischen neun und elf gelegt, weil die Verwaltung am Nachmittag geschlossen hat.“
Da Vita hob einen Finger. „Das Sterben auf Termin ist tatsächlich ein Geschäftsmodell, über das man nachdenken könnte.“
„Du bist Bestatter“, sagte Tide. „Du denkst über alles nach, was sich in Rechnung stellen lässt.“
„Und du bist Seemann. Du hältst jede Bewegung für eine Verschwörung des Wassers.“
Gordon grinste. „Seht ihr? Wir verstehen uns bereits.“
Damit war die Verschwörung geboren. Sie nannten sich die “Bruderschaft der Unverstellten Zeit“, wobei Gordon darauf bestand, dass man den Namen mit einem dramatischen Unterton aussprechen müsse. Tide schlug stattdessen „Die drei unbeugsamen Alten“ vor. Da Vita hielt das für eine unnötige Vorwegnahme des Untersuchungsergebnisses.Am Ende einigte man sich auf gar nichts. Es war der erste gemeinsame Beschluss, den sie einstimmig fassten.
Noch in derselben Nacht zogen sie in das verlassene Observatorium von Uhrland, wo seit Jahrhunderten eine astronomische Uhr stand, die so kompliziert war, dass niemand mehr wusste, ob sie die Zeit anzeigte oder lediglich den Zustand der königlichen Staatsfinanzen. Dort wollten sie den Widerstand organisieren.Tide übernahm die strategische Leitung. Er zeichnete Seekarten, obwohl weit und breit kein Meer lag. Da Vita kümmerte sich um die Versorgung und führte eine Liste der möglicherweise zu bestattenden Verwaltungsbeamten. Gordon schrieb ein Manifest.
Es begann mit den Worten: Wir lassen uns nicht zurückdrehen! Nach vier Stunden war es noch immer der einzige Satz.
„Ein Meisterwerk“, sagte da Vita anerkennend.
„Es ist prägnant“, erklärte Gordon. „Und es lässt sich auf ein Transparent drucken.“
„Auf ein kleines“, gab Tide zu bedenken.
Die Männer arbeiteten bis zum Morgengrauen. Sie waren sich einig, dass das Leben ohnehin schon kompliziert genug sei. Jeder von ihnen hatte in seinen langen Jahren genügend eigene Kämpfe ausgefochten, um zu wissen, dass man sich nicht alles gefallen lassen durfte. Tide hatte dem Meer die Stirn geboten, da Vita dem Tod und Gordon dem Leben, wobei Letzteres gelegentlich den Eindruck erweckte, es führe gegen ihn einen persönlichen Feldzug.
Sie waren älter geworden, aber nicht unbedingt vernünftiger. Ihre Knie meldeten sich inzwischen bei Wetterumschwüngen zuverlässiger als der staatliche Wetterdienst. Ihre Rücken erinnerten sie beim Aufstehen daran, dass der Mensch keine Maschine war. Und wenn einer von ihnen nachts auf die Toilette musste, konnte er sich am Morgen nicht mehr daran erinnern, ob er nun aus einem dringenden Bedürfnis oder aus reiner Gewohnheit aufgestanden war. Aber ihren Willen hatten sie sich bewahrt. Und dieser Wille war jetzt gegen eine Stunde gerichtet.
Am nächsten Vormittag erschien Kapitän Holm Kurzer im Observatorium. Er war ein Mann, der in seinem Leben so viele Häfen angelaufen hatte, dass ihm die meisten Bürgermeister persönlich bekannt waren. Sein Gesicht hatte die Farbe alten Leders, seine Stimme klang wie ein Anker, der über Stein gezogen wurde, und seine Geduld war ausgesprochen begrenzt, besonders gegenüber Menschen, die ohne Schiff auf See gingen.
„Was zum Kuckuck treibt ihr hier?“ fragte er.
Tide stand auf. „Wir kämpfen gegen die Zeitzurückstellung.“
Kurzer sah sich um. Drei alte Männer, ein Manifest, vier Kaffeetassen und eine astronomische Uhr, die seit 1898 eine Viertelstunde nachging.
„Ihr kämpft gegen eine Uhr?“
„Gegen die politische Willkür“, korrigierte Gordon.
„Aha.“ Kurzer nahm das Manifest, las den einzigen Satz und legte es wieder hin. „Und was macht ihr, wenn ihr gewinnt?“
„Dann bleibt die Zeit, wie sie ist“, sagte Tide.
„Welche Zeit?“
Die drei Männer schwiegen.
„Ihr wisst es nicht“, stellte Kurzer fest. „Ihr habt euch gegen eine Veränderung verschworen, ohne euch darüber zu einigen, was genau unverändert bleiben soll.“
„Das ist ein taktisches Detail“, murmelte Gordon.
„Nein, mein Junge. Das ist der Unterschied zwischen einer Mannschaft und drei Männern, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen rudern.“
Tide zog die Augenbrauen hoch. „Ich war lange genug auf See, um zu wissen, wie man ein Schiff führt.“
„Das bestreite ich nicht. Aber selbst auf einem Schiff braucht man irgendwann einen Hafen. Und wenn ihr euch ewig gegen jede Veränderung stemmt, werdet ihr eines Tages feststellen, dass ihr zwar eure Zeit verteidigt habt, aber keinen Augenblick mehr übrig ist, in dem ihr etwas damit anfangen könnt.“
Das saß. Allerdings nur vorübergehend.
„Ein guter Satz“, sagte Gordon. „Ich werde ihn in mein nächstes Kapitel aufnehmen.“
Kapitän Kurzer seufzte. Er wusste, dass er bei diesen drei Herren mit Argumenten nur so weit kam, wie sie gerade Lust hatten, sich überzeugen zu lassen. Deshalb ging er wieder.
Am Nachmittag kam Kollege Gustav, ein langjähriger Weggefährte da Vitas, dessen natürliche Begabung darin bestand, komplizierte Dinge so lange zu betrachten, bis sie ihm entweder einleuchteten oder jemand anderes die Arbeit übernahm.
„Ich habe gehört, ihr wollt die Zeit abschaffen“, sagte er.
„Wir wollen sie nicht abschaffen“, erklärte da Vita. „Wir wollen lediglich verhindern, dass man uns eine Stunde unterschlägt.“
Gustav setzte sich auf einen umgedrehten Holzkasten. „Und was macht ihr mit dieser Stunde?“
„Sie behalten“, sagte Gordon.
„Wofür?“
„Das geht niemanden etwas an.“
„Dann braucht ihr sie offenbar nicht.“
Da Vita holte tief Luft. „Gustav, du musst verstehen, dass es hier um ein Prinzip geht.“
„Natürlich. Prinzipien sind sehr nützlich. Man kann sich hinter ihnen verstecken, wenn einem die praktischen Antworten fehlen.“
Tide lachte so laut, dass die Uhr über ihnen einen Zahn verlor.
„Das ist nicht komisch“, sagte da Vita.
„Doch“, sagte Gustav. „Ein bisschen schon.“ Dann wurde er ernst.
„Hört mal, ihr drei. Ihr habt euer Leben lang Entscheidungen getroffen. Manche waren gut, andere weniger. Ihr habt euch durchgesetzt, Fehler gemacht, euch wieder aufgerappelt. Und jetzt wollt ihr ausgerechnet bei einer Stunde so tun, als hinge eure gesamte Würde davon ab, dass die Welt euch nichts vorschreibt?“
„Das ist eine Frage der Selbstbestimmung“, sagte Gordon.
„Selbstbestimmung ist, wenn du entscheidest, was du mit deiner Zeit anfängst. Nicht, wenn du dich mit aller Gewalt dagegen wehrst, dass sie sich auf der Uhr anders darstellt.“
Da Vita sah ihn an. „Du bist heute erstaunlich vernünftig.“
„Ich hatte gestern eine lange Nacht“, sagte Gustav. „Da wird man nachdenklich.“
Doch die Bruderschaft war noch nicht bereit, die Waffen niederzulegen. Sie zog sich tiefer in die Fantasy-Welt Uhrlands zurück, die längst mehr mit ihren Vorstellungen als mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Dort gab es Türme, die in den Himmel ragten, Flüsse, die rückwärts flossen, und einen König, der seine Entscheidungen von einem Orakel bestätigen ließ, das grundsätzlich erst antwortete, wenn die Frage vergessen war.
Gordon fühlte sich dort ausgesprochen wohl. Er behauptete, das Land sei eine Metapher für die menschliche Existenz, was vor allem daran lag, dass es dort weder Hausordnung noch Parkplatzprobleme gab.
Tide wollte eine Flotte aufbauen, obwohl Uhrland keinen Zugang zum Meer besaß.
Da Vita eröffnete einen Bestattungssalon für Menschen, die sich vorzeitig aus der Zeit verabschieden wollten. Die Nachfrage blieb überschaubar, weil die Kunden nach der Anmeldung regelmäßig in die Vergangenheit zurückkehrten und ihre Termine vergaßen.
So vergingen Tage, Wochen und gefühlt mehrere Jahrhunderte.
Dann erschienen Mirko und Feliks.
Die beiden waren Gordon aus dem Sterbewerk bestens bekannt und besaßen jene besondere Begabung, unangenehme Wahrheiten so beiläufig auszusprechen, dass man sich erst hinterher darüber ärgerte.
Mirko trug einen Rucksack, Feliks eine Thermoskanne.
„Wir holen dich ab“, sagte Mirko.
„Mich?“ Gordon verschränkte die Arme. „Ich bin hier im Exil.“
„Du bist in einem alten Observatorium und hast seit drei Tagen dieselbe Hose an“, sagte Feliks. „Das ist kein Exil. Das ist ein Wäscheproblem.“
„Ihr versteht die Tragweite meines Widerstands nicht.“
„Doch“, sagte Mirko. „Du willst nicht, dass jemand über dich bestimmt.“
Gordon nickte zufrieden.
„Das ist ja auch in Ordnung“, fuhr Mirko fort. „Aber du bestimmst inzwischen über nichts anderes mehr. Du sitzt hier, redest über Freiheit und verpasst dein eigenes Leben.“
Feliks reichte ihm die Thermoskanne. „Außerdem wird der Kaffee kalt.“
Gordon nahm sie automatisch entgegen.
„Das ist kein Argument.“
„Doch“, sagte Feliks. „Es ist sogar ein ziemlich gutes. Du trinkst deinen Kaffee immer heiß.“
Gordon blickte in die Tasse. Er musste zugeben, dass Feliks recht hatte. Es war eine jener Wahrheiten, die einem nicht schmeckten, obwohl sie keinen Zucker brauchten.
Mirko wandte sich an die beiden Caspars.
„Und ihr? Wollt ihr wirklich den Rest eurer Jahre damit verbringen, einer Uhr böse Blicke zuzuwerfen?“
„Es geht um Würde“, sagte Tide.
„Natürlich“, erwiderte Mirko. „Aber Würde ist nicht dasselbe wie Sturheit.“
Da Vita richtete seine Krawatte. „Ich möchte zu Protokoll geben, dass ich diese Unterscheidung durchaus kenne.“
„Dann wird es ja Zeit, dass du sie auch anwendest“, sagte Feliks.
Die drei Männer schauten einander an.
Es war ein schwieriger Moment. Nicht, weil sie keine Argumente mehr hatten, sondern weil sie plötzlich bemerkten, dass ihre Argumente sich im Kreis drehten. Sie hatten die Freiheit verteidigen wollen und dabei eine Festung gebaut, aus der sie nicht mehr herausfanden.
„Ich möchte nicht klein beigeben“, sagte Tide schließlich.
„Musst du auch nicht“, sagte Mirko. „Du kannst deine Meinung behalten und trotzdem nach Hause gehen.“
„Das klingt verdächtig vernünftig“, murmelte Gordon.
„Wir sind ja auch nicht zum Spaß hier“, sagte Feliks.
Da Vita stand auf. „Ich schlage einen geordneten Rückzug vor.“
„Ich dachte, wir wollten uns verbrüdern“, sagte Gordon.
„Wir sind verbrüdert. Aber ich sehe keinen Grund, deshalb gemeinsam zu frieren.“
Und so verließen sie das Observatorium. Nicht als Besiegte, sondern als Männer, die langsam begriffen, dass man einen Standpunkt vertreten kann, ohne auf ihm festzuwachsen.
Es hätte damit enden können.
Es hätte ein versöhnlicher Schluss werden können, mit Kaffee, Handschlag und einem kleinen, würdevollen Eingeständnis, dass die Welt sich nun einmal nicht nach den persönlichen Vorstellungen dreier alternder Herren richtete.
Doch dann kam sie. Gordons große Liebe, Jocadöl. Sie betrat die Geschichte, als hätte sie nie etwas anderes getan, als Männer aus selbst gebauten Gefängnissen zu befreien. Ihr Haar war ein wenig zerzaust, ihr Blick klar, und ihr Lächeln besaß jene gefährliche Freundlichkeit, bei der man nicht wusste, ob man gleich geküsst oder zur Rede gestellt werden würde.
Gordon kannte sie aus seiner Episode #029 nur zu gut. Er hatte längst begriffen, dass diese Frau keine Nebenfigur war, sondern eine Naturgewalt in ziviler Kleidung.
Sie sah Gordon an.
„Du bist also gegen die Zeitumstellung.“
„Ich bin gegen die Willkür“, erklärte er.
„Gut. Dann lass uns darüber reden.“
Er richtete sich auf. „Ich bin bereit.“
„Schön.“ Sie nahm seine Hand. „Dann erklär mir bitte, warum du bereit bist, mit zwei anderen Männern in einem zugigen Turm zu sitzen, statt mit mir einen schönen Abend zu verbringen.“
Gordon öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder.
„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, versuchte er sich zu rechtfertigen.
„Ach nein? Du hast mir gestern gesagt, du hättest keine Zeit. Heute kämpfst du darum, dass du keine Stunde verlierst. Und jetzt sag mir bitte, was du mit der zusätzlichen Stunde anfangen willst.“
„Ich …“
„Willst du sie allein verbringen? Willst du mit den Caspars über politische Willkür diskutieren? Oder möchtest du vielleicht mit mir in der Küche stehen, während der Topf dampft, und dich darüber beschweren, dass ich zu viel Pfeffer hineingetan habe?“
Da Vita hustete diskret.
Tide studierte plötzlich die Beschaffenheit seiner Stiefel.
Da Vita betrachtete mit professionellem Interesse eine nahegelegene Tür, als überlege er, ob sie als Ausgang oder als Notausgang zu klassifizieren sei.
Gordon sah seine Liebe an. Sie hatte keine Drohungen ausgesprochen, kein Ultimatum gestellt und keine einzige Verordnung zitiert. Sie hatte ihm lediglich die Konsequenzen seiner eigenen Haltung vor Augen geführt.
„Ich will natürlich mit dir in der Küche stehen“, sagte er schließlich.
„Natürlich“, erwiderte sie. „Und wann?“
„Morgen.“
„Morgen ist die Zeitumstellung.“
„Dann eben danach.“
„Und wenn du dich wieder darüber aufregst, dass dir eine Stunde fehlt?“
Gordon lächelte schwach. „Dann werde ich mich bemühen, sie nicht ausgerechnet mit dir zu verbringen.“
Sie legte den Kopf schief.
„Das war noch nicht die richtige Antwort.“
Er seufzte. „Dann werde ich mich bemühen, die Stunde mit dir zu verbringen, die wir tatsächlich haben.“
„Siehst du. Das war doch gar nicht so schwer.“
Sie küsste ihn. Es war ein kurzer Kuss, aber er hatte eine Wirkung, die weder Kapitän Kurzer noch Kollege Gustav noch Mirko und Feliks mit ihren sämtlichen Argumenten erreicht hatten.
Caspar Tide, der dem Atlantik getrotzt hatte, war sprach- und machtlos.
Caspar da Vita, der beruflich mit endgültigen Entscheidungen vertraut war, erkannte eine vorläufige Niederlage als lebensverlängernde Maßnahme.
Und Gordon Blöh, der sich für einen unerschütterlichen Verteidiger der persönlichen Freiheit hielt, stellte fest, dass es Situationen gab, in denen man seine Freiheit am besten dadurch bewahrte, dass man freiwillig aufhörte, sich wie ein störrischer Esel zu benehmen. Er ergab sich einer Frau.
„Ich möchte festhalten“, sagte Gordon, „dass dies kein politischer Rückzug ist.“
„Selbstverständlich“, sagte Mirko.
„Es ist eine strategische Neuorientierung“, ergänzte Gordon.
„Natürlich“, sagte Feliks.
„Und die Zeitumstellung bleibt eine fragwürdige Angelegenheit.“
„Ganz bestimmt“, sagte da Vita.
Tide grinste. „Aber wir gehen jetzt nach Hause.“
„Wir gehen nach Hause“, bestätigte Gordon, „weil wir uns dafür entschieden haben.“
„Und weil der Kaffee kalt wird“, ergänzte Feliks.
In der Nacht zum Sonntag geschah in Uhrland etwas Bemerkenswertes. Die Uhren wurden zurückgestellt. Nicht alle Menschen waren damit einverstanden. Einige schimpften, andere rechneten nach, und ein besonders hartnäckiger Uhrmacher veröffentlichte eine Abhandlung, in der er bewies, dass die Zeit schon immer falsch eingestellt gewesen sei. Doch die drei Caspars verbrachten den Abend gemeinsam in einer Küche, in der es nach Kaffee, warmem Essen und ein wenig Pfeffer roch. Kapitän Holm Kurzer erzählte Geschichten vom Meer. Kollege Gustav widersprach ihm bei jeder zweiten Pointe. Mirko und Feliks stritten darüber, wer den letzten Keks genommen hatte, obwohl beide genau wussten, dass es Gordon gewesen war.
Und Gordon saß neben seiner großen Liebe, deren Hand ganz selbstverständlich in seiner lag.
Um drei Uhr nachts wurden die Uhren auf zwei Uhr zurückgestellt.
„Da ist sie“, sagte Tide. „Die verschwundene Stunde.“
„Nein“, sagte da Vita. „Sie ist nicht verschwunden. Sie ist nur anders gezählt worden.“
„Das klingt nach einer Ausrede für die Verwaltung“, meinte Gordon.
Seine Liebe sah ihn an.
„Gordon.“
„Ja?“
„Lass die Uhr Uhr sein.“
Er dachte kurz nach. Dann nahm er ihre Hand und küsste sie.
„Du hast recht.“
Die anderen beiden Caspars starrten ihn an.
„Was ist?“ fragte Gordon. „Man kann doch nicht immer der Meinung sein, dass man recht hat.“
„Doch“, sagte Tide. „Man kann. Aber offenbar sollte man es nicht.“
Da Vita hob seine Kaffeetasse.
„Auf die Freiheit, sich zu widersetzen.“
„Auf die Weisheit, einzulenken“, ergänzte Gustav.
„Auf die Zeit“, sagte Kapitän Kurzer, „die wir nicht besitzen, sondern miteinander verbringen.“
Mirko hob den letzten Keks. „Und auf die Menschen, die uns rechtzeitig daran erinnern.“
Feliks nickte. „Solange sie nicht wieder anfangen, über die Uhr zu diskutieren.“
Alle lachten. Und so lebten sie fortan in Uhrland nach einer Zeit. Nicht, weil der König es angeordnet hatte. Nicht, weil die Verwaltung überzeugende Formulare verschickte. Und auch nicht, weil drei alternde Herren plötzlich ihre Freude an staatlichen Verordnungen entdeckt hätten. Sondern weil sie verstanden hatten, dass man durchaus gegen den Strom schwimmen darf, solange man noch weiß, wohin man eigentlich möchte. Und weil manchmal ein liebevolles Wort, eine warme Hand und eine Frau, die den eigenen Starrsinn besser durchschaut als man selbst, überzeugender sind als sämtliche Manifeste der Welt.
Die drei Caspars blieben, was sie immer gewesen waren: Männer mit eigenem Kopf, festem Willen und einer beneidenswerten Fähigkeit, sich mit der Welt anzulegen. Nur hatten sie gelernt, dass wahre Größe nicht darin besteht, niemals nachzugeben. Sondern darin, im richtigen Augenblick freiwillig einzulenken.
Und wenn sie sich künftig über die Zeitumstellung beschwerten, dann taten sie es gemeinsam, ausgiebig und mit der gebotenen Empörung. Allerdings erst, nachdem sie ihre Lieben gefragt hatten, ob der Kaffee schon fertig sei.
Denn eine Stunde kann man verlieren.
Aber einen schönen Abend sollte man sich nicht aus Prinzip verderben.
© Casus. 25. Oktober 2026 zwischen drei und zwei Uhr


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