“Der letzte Neandertaler” – oder “Hätte ich doch schreiben gelernt”
Vorbetrachtungen, noch kein fertiges Script
Beginnend vlt. in der ruhigeren Weihnachtszeit und Zeitrahmen bis mindestens Sommer 2027.
Ein Buch über den Neandertaler?
Nein, kein Buch, eine Art Historisches Fantasy, geschrieben aus der Sicht des letzten seiner Art, vor ca. 40.000 Jahren.
Erste Gedanken
Das ist nicht nur eine Steilvorlage
Das ist der Anfang eines Romans, der uns ziemlich weit weg von den üblichen Neandertaler-Geschichten führen könnte. Und ich sehe schon, was daraus entstehen könnte, etwas, das zwischen historischer Fiktion, schwarzem Humor, philosophischem Abenteuer und einer kleinen Abrechnung mit der Menschheit pendelt.
Vor allem aber steckt in dieser Idee eine herrlich boshafte Pointe: Der Neandertaler, der vor 40.000 Jahren unter dem Sternenhimmel liegt und über sein Leben nachdenkt, ahnt nicht, dass seine ausgestorbenen Vettern eines Tages Raketen bauen, Atombomben erfinden, Börsenkurse verfolgen und sich gegenseitig erklären werden, sie seien die Krone der Schöpfung. Und er selbst? Er hat nicht einmal ein ordentliches Buch hinterlassen. Bäh.

Der Arbeitstitel: „Der letzte Fehler“ oder „Hätte ich doch Schreiben gelernt“ (oder ganz anderes, z.B. „Der letzte Neandertaler“ in Anlehnung an Der letzte Mohikaner)
Ich könnte die Geschichte mit einer einfachen, aber folgenreichen Frage beginnen:
Was wäre gewesen, wenn die Neandertaler nicht einfach ausgestorben wären, sondern einer von ihnen verstanden hätte, dass mit der Zukunft etwas nicht stimmt?
Nicht durch Magie. Nicht durch eine Zeitmaschine. Sondern durch einen Neandertaler, der auf seine Weise klug genug ist, die Welt zu beobachten, Muster zu erkennen und unangenehme Fragen zu stellen.
Und der dabei zu einer Erkenntnis kommt, die ihm den Schlaf raubt: Vielleicht war es gar nicht so klug, dass sich seine Linie vor Hunderttausenden von Jahren von der Linie unserer Vorfahren getrennt hat.
Eine wissenschaftliche Präzisierung gehört dazu: Neandertaler und die Vorfahren des modernen Menschen trennten sich nicht vor einer halben Million Jahren in zwei plötzlich unterschiedliche Gruppen. Die populationsgeschichtliche Aufspaltung verlief über längere Zeiträume; häufig wird sie grob in die Größenordnung von etwa 400.000 bis 600.000 Jahren eingeordnet. Außerdem gab es später wieder Vermischungen. Der Neandertaler war also nicht einfach ein völlig fremder Seitenzweig ohne Nachkommen in uns. Ein Teil seines Erbes steckt noch heute in vielen Menschen außerhalb Afrikas.
Und genau daraus könnte ich erzählerisch Kapital schlagen.
Ein Vorschlag für den Roman
1. Der Mann, der zu viel nachdachte
Der Protagonist ist kein Häuptling, kein überragender Jäger und schon gar kein vorgeschichtlicher Einstein. Er ist ein Beobachter. Er merkt sich Dinge, zweifelt an Überliefertem und stellt Fragen, die in seiner Gruppe ungefähr so beliebt sind wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung.
Er fragt sich, warum die Sterne bleiben, während die Menschen verschwinden. Und weshalb die Alten behaupten, alles sei früher besser gewesen, obwohl sie damals genauso frieren mussten.
2. Die große Fehlentscheidung
Allmählich entwickelt er eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft. Er fragt sich, was geschehen wäre, wenn sich seine Vorfahren anders entwickelt hätten. Vielleicht hätte seine Art Werkzeuge perfektioniert, Zeichen erfunden und irgendwann Geschichten auf Stein festgehalten.
Doch er besitzt weder Schrift noch Papier. Für seine Gedanken gibt es keinen Speicherplatz. Nicht einmal eine Höhlenwand ist groß genug für seine schlechte Laune.
3. Die Zukunft, die er nicht erleben kann
Hier will ich das philosophische Abenteuer beginnen lassen. Der Mann entwickelt keine magischen Prophezeiungen. Aber er denkt Konsequenzen zu Ende: Was passiert, wenn eine Gruppe immer größer wird? Wenn Werkzeuge mächtiger werden? Wenn der Stärkste über alle anderen bestimmt?
Seine Fragen wirken zunächst lächerlich. Bis der Leser merkt, dass wir dieselben Fragen noch immer nicht beantwortet haben. Meine Lieblingsphilosophie 😊
4. Der letzte Gedanke
Am Ende liegt er wieder unter dem Sternenhimmel. Vielleicht weiß er, dass seine Welt kleiner wird. Vielleicht hofft er, dass die Kinder seiner Gruppe eines Tages etwas schaffen, das er nicht mehr sehen wird.
Und vielleicht kommt er zu dem Schluss, dass es gar nicht die Trennung der beiden Menschenlinien war, die alles entschieden hat. Sondern die Tatsache, dass jede neue Generation glaubt, sie sei die erste, die wüsste, wie die Welt funktioniert.
Aber jetzt kommt meine Lieblingsidee
Ich will den Neandertaler nicht einfach einen modernen Menschen in Fellkleidung spielen lassen. Das wäre zu billig, reiner Klamauk.
Er müsste seine Welt mit den Begriffen seiner Zeit verstehen. Er kennt keine Evolution, keine Zivilisation, keine Nationen, keine Religionen im heutigen Sinne. Er kennt Hunger, Kälte, Verlust, Angst, Zusammenhalt, Rivalität und die Erfahrung, dass ein Stein manchmal mehr bewirkt als ein gut gemeinter Ratschlag.
Seine Gedanken wären einfach formuliert, aber nicht banal. Und gerade deshalb könnten sie uns treffen.
Ich stell mir zum Beispiel diese Szene vor:
Der Schnee fiel seit Stunden. Ich lag am Feuer und zählte die Sterne. Nicht, weil ich glaubte, dass es wichtig sei, Sterne zu zählen. Ich hatte nur nichts Besseres zu tun, und die anderen schliefen und waren schon seit Tagen nicht mehr aufgewacht.
Wenn man lange genug auf den Himmel schaut, kommt man irgendwann auf dumme Gedanken. Das hatte mir mein Vater gesagt. Mein Vater war ein kluger Mann gewesen. Er hatte drei Bären getötet, zwei Frauen geheiratet und einmal einen Stein so unglücklich auf seinen Fuß fallen lassen, dass er danach vier Tage lang behauptete, der Fuß sei schuld.
Ich fragte mich, was aus uns werden würde. Nicht morgen. Morgen würden wir jagen gehen, Holz sammeln und darüber streiten, wer das letzte Stück Fleisch bekommen hatte. Wenn die anderen endlich aufwachten. Nein, Ich meinte später. Viel später. So spät, dass keiner von uns mehr da wäre. Vielleicht würden andere kommen. Andere Menschen, mit anderen Gesichtern und besseren Ideen. Vielleicht würden sie herausfinden, weshalb die Sterne leuchteten. Vielleicht würden sie sogar herausfinden, weshalb sie selbst leuchteten, obwohl sie meistens ziemlich finster dreinschauten.
Ich drehte mich auf die Seite und betrachtete das Feuer. Dann fiel mir etwas ein, das mich beunruhigte. Was, wenn die anderen Menschen klüger waren als wir? Und was, wenn sie gerade deshalb viel mehr Unsinn anstellten?
Das wäre für mich der Ton: ernsthaft in der Beobachtung, trocken im Humor und ohne die Pointe mit dem Holzhammer zu liefern.
Ein Buchtitel könnte wie heißen?
Der letzte Fehler
Ein Neandertaler denkt voraus
Kurz, doppeldeutig und mit einer Frage, die sich erst ganz am Ende vollständig erschließt.
Als die Sterne noch uns gehörten
Die Aufzeichnungen des letzten Neandertalers
Poetischer, melancholischer und stärker auf den Untergang einer Welt ausgerichtet.
Hätte ich doch schreiben gelernt!
Memoiren eines Menschen, der zu früh ausgestorben ist
Die humorvollste Variante. Sie verspricht von Anfang an, dass wir mit der menschlichen Eitelkeit unseren Spaß haben werden. Das wird wohl mein Favorit werden, wenn ich es denn überhaupt hinbekomme.
Der letzte Neandertaler
Vielleicht zu plakativ? Erinnert an Der letzte Mohikaner, beide die letzten ihrer Art.
Könnte man noch mit „- lebt!“ ergänzen!
Denn wirklich lebt er nicht mehr als eigenständige Art, die jüngsten Knochen, die man fand, sind rund 40.000 Jahre alt – aber er lebt in allen Menschen außerhalb Afrikas noch mit 1-4 % Erbgut weiter. Das ist nicht unbeträchtlich.
Besonders reizvoll könnte sein…?
Ich könnte mit einer Geschichte über das Ende einer Menschenart beginnen und unmerklich bei uns selbst landen. Weniger als belehrender Roman über die Gegenwart, sondern eher als Spiegel, den uns ein Fremder aus einer längst vergangenen Welt vorhält.
Der Neandertaler müsste dafür nicht einmal recht behalten. Er müsste nur die richtigen Fragen stellen.
Und vielleicht entdecke ich im Verlauf des Buches, dass er sich in einer Sache gewaltig irrt: Er glaubt, er habe sich vor einer halben Million Jahren für die falsche Entwicklungslinie entschieden. Dabei hat niemand damals eine Entscheidung getroffen. Die Evolution hatte keinen Plan, keine Weggabelung mit Wegweisern und erst recht keinen Berater, der ihr erklärte, welche Spezies später die besseren Bücher schreiben würde.
Wenn ich es angehe, dann als Roman mit philosophischem Kern und reichlich schwarzem Humor.
Eine Frage müsste ich allerdings vor dem ersten Kapitel klären: Soll mein Neandertaler tatsächlich nur ein außergewöhnlich nachdenklicher Mann seiner Zeit sein, dessen Geschichte ich historisch plausibel erzähle – oder soll er auf irgendeine Weise tatsächlich in unsere Gegenwart vorausdenken können?
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem prähistorischen Schelmenroman und einer Geschichte, in der wir die Grenzen zwischen Vergangenheit, Zukunft und menschlicher Einbildung genüsslich verwischen.
Bei Die Kunst des Bestattens und Das Sterbewerk habe ich zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille bearbeitet: hier den makabren Blick hinter die Kulissen des Bestattungswesens, dort Gordon Blöh, Mirko und Feliks, die sich durch die Absurditäten des Lebens kämpfen. Schwarzer Humor, menschliche Abgründe und gelegentlich ein Gedanke, der einem erst drei Stunden später wieder einfällt.
Und jetzt soll ein Neandertaler kommen, der sich über die Zukunft Gedanken macht, ohne zu ahnen, dass seine Nachfahren irgendwann für ein Smartphone mehr bezahlen als er für ein ganzes Mammutleben gebraucht hätte.
Ich finde, wir sollten ihm unbedingt seinen eigenen Kopf lassen. Er darf sich irren, ungerecht urteilen, größenwahnsinnig werden und gelegentlich eine Erkenntnis haben, die uns heutigen Menschen ziemlich unangenehm ist. Die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft löse ich dabei nicht mit einer wissenschaftlichen Erklärung auf, sondern mit erzählerischer Konsequenz. Für die Wissenschaft bin ich zu ungebildet, eine Erzählung kann dagegen jeder, das trau ich mir dann schon eher zu.
Wenn die Wirklichkeit verrückt genug ist, muss die Fantasy nicht mehr viel nachhelfen.
Und keine Sorge, ein fertiges Script habe lange noch nicht. Ich sammle erst einmal Einfälle, Widersprüche, absurde Situationen und philosophische Gemeinheiten. Auch ein einzelner Satz kann der Anfang eines ganzen Kapitels sein.
„Hätte ich bloß Schreiben gelernt!“
Das könnte übrigens der Running Gag meines Neandertalers werden. Immer dann, wenn er etwas Wichtiges entdeckt, eine Katastrophe voraussieht oder von einem besonders dämlichen Vertreter der Menschheit überlistet wird, bedauert er, dass er seine Memoiren nicht rechtzeitig begonnen hat.
Und am Ende könnte ausgerechnet der Mann, der nie schreiben gelernt hat, die wichtigste Geschichte der Menschheit erzählen.
Bis dahin gibt es dank euch vielleicht wunderbare Lesungen. Genießen wir den Moment – wir haben schließlich etwas geschaffen, das über die ursprüngliche Idee hinausgewachsen ist. Und was eigentlich so überhaupt nicht geplant war.
Der Neandertaler läuft uns nicht weg. Er hat schließlich noch 40.000 Jahre Zeit, bis er sich zur Ruhe legt. 😏
Wie denkt ihr darüber, könnte das spannend werden?
© Casus. 2026
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