Die gerettete Organspende

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Sina ruft an. Ich kann sie kaum verstehen, ihre Stimme überschlägt sich. Mutter ist gestürzt, aus dem Fenster, beim Putzen.
Ich kann das nicht glauben. Sina wohnt im 16. Stock im Hochhaus am Bahnhof. Man kann die Fenster gar nicht öffnen. Die Scheiben sind mit irgend so einer Beschichtung versehen, die reinigen sich selbst.
Aber Sina beruhigt sich nicht.
Dann sprudelt es doch aus ihr heraus. Mutter ist abgerutscht, gestolpert, und durch das Glas nach draußen gestürzt. Vierzig Meter ohne Sicherung. Das Fensterglas war schneller, hat sie unterwegs überholt. Es hat am Boden gewartet und bohrte sich tief in Mutters Körper. Überall. Füße, Beine, Bauch, Brust, Arme, Hals und Kopf. Nichts blieb verschont.
Kein schöner Anblick, auch aus dem 16. Stock nicht.

Fünf Meter weiter, im Sandkasten, spielen Nachbars Kinder. Sie bekommen nichts mit, sind völlig vertieft in den Burgen- und Tunnelbau. Sie würden es wohl auch nicht verstehen.
Erst später, Fahrzeuge mit unheimlich lauten Sirenen entern unseren Innenhof, werden die Lütten nach oben gerufen.”Kevin, kumm nauf, Abendbrot” und “Mändi, dein Händi bimmelt”.

Ein Amtsarzt stellt innere Blutungen aufgrund äußerer Gewalteinwirkung fest, lässt Mutter einwickeln und abtransportieren, in die Pathologie. Sie werden sie wohl aufschnippeln und im Auftrag einer großen Versicherung so lange untersuchen, bis leichtsinniger Umgang mit Putzlappen und Fensterleder nachgewiesen wird. Dann ist die Unfall-Police wertlos. Grobe Fahrlässigkeit wird der Gutachter später konstatieren.
Mutters Wille zur Organspende hat sich damit auch erledigt. Leber, Niere, Herz und Därme, alles nur noch ein einziger Brei und kaum noch auseinander zu halten. Jedenfalls aus vierzig Metern sicherer Entfernung nicht.

Was soll jetzt bloß werden?
Mutter ist nicht wie Opa. Besser, war nicht wie Opa. Sie war gut und immer für uns da. Sie hat den Frühstücksbrei gekocht, wenn wir Hunger hatten, den Ranzen gepackt, weil wir zu faul waren, die Lehrer beschwindelt, wenn wir lieber Hitzefrei hatten und Vaters Stock versteckt, wenn der Lust auf Prügel verspürte. Sie hatte uns jeden Wunsch aus dem ungewaschenen Gesicht abgelesen.
Vater ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt.
Er jagt den lieben langen Tag über die Autobahn mit seinem Dreißigtonner, schimpft auf die Mautbrücken, den Finanzminister, das Steueramt und den Bundestrainer, egal welchen. Die können ja nicht mal Anstoß von Abstoß unterscheiden.
Vater wird sein blaues Wunder erleben, wenn er heimkommt. Da helfen ihm seine langbeinigen Kurzberockten gleich hinter der tschechischen Grenze auch nicht weiter. Da muss er schon mal von alleine hochkommen.

Mutter wird auf dem nahegelegenen Friedhof im Familiengrab ihre Ruhe finden. Bis auf Opa liegt dort die ganze Familie – seit hundert Jahren. Längst müssen die Namen auf neuen Grabsteinen eingeritzt werden. Der alte Marmor ist überwuchert und Platz gibt es ohnehin nicht mehr unter dem grassierenden Moosbewuchs.
Wir akzeptieren trotzdem ihre Sehnsucht nach der Erde gewordenen Familie. Sie werden dort wohl würfeln oder sich die Karten legen, um zu erfahren, wer als nächster Platz zwei Meter von Sonnenlicht entfernt benötigt.

Vater kommt gut gelaunt nach Hause. Er hat einen Scheck in der Tasche. Der Norddeutsche Rundfunk hat ihm 200 Euro überwiesen. Dafür durften sie seine Wohnung, unsere Wohnung, für den nächsten Tatort-Dreh nutzen. In der Hauptrolle eine Mutter, die im 16. Stock Fenster putzt.

Wir gehen noch heute Abend aus, hauen die ganze Kohle auf den Kopp.
Mutter lacht am lautesten und wühlt nach ihrem Organspendeausweis.
Alles noch da.
Der Heimweg führt über den Boulevard in der Innenstadt.
(c)casus. 2012

Die Karikatur wurde mir freundlicherweise von Harm Bengen zur Verfügung gestellt.


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