Der allerletzte Wille (Opa, Teil 2)

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Opas kühner Sprung in die Fluten der Ostsee waren sein letzter Wille. Dass dieser Abschied in einer papiernen Bio-Urne stattfand – kleiner Schönheitsfehler. Aber wer erfüllt sich seinen letzten Wunsch schon in voller Lebensgröße? Der letzte Wille des Verstorbenen ist der erste Verzweiflungsakt der Hinterbliebenen. Jedenfalls war es bei Opa so. (siehe im blog -> hier)
Der Küstennebel ist aus unserem ohnehin schon gestressten Gehirn so nach und nach gewichen, das Hotelzimmer gekündigt und die Bahntickets gelöst. Wir sitzen erleichtert im Intercity, lassen uns gen Heimat kutschen und wollen das ganze Theater um die Seebestattung auf der mit weißer Farbe kaschierten Rostlaube namens MS Polonia so schnell wie möglich vergessen.
Es sollte uns nicht gelingen.

Viele Klamotten hatten wir ja nicht mitgenommen zu Opas letzter Reise, trotzdem will der Koffer erst einmal in den vierten Stock unseres Mietshauses gehievt werden. Ausgetretene Holzstufen, splitterndes Geländer mit ohne Farbanstrich in den letzten 25 Jahren – nur die Außentoiletten auf jeder Halbetage sind einem verschlossenen Abstellraum gewichen. Licht gibt es auch, einmal angeschalten geht es nicht wieder aus. Der Zeitschalter hat das Zeitliche gesegnet.

Endlich in der Wohnung angekommen, fallen wir auch schon vor aufkommender Müdigkeit und abfallender Anspannung in einen schwer zu beschreibenden, lethargieähnlichen Zustand. Wir sprechen kein Wort und wollen vor uns hin dösen. Das Leben wird schon zurückkehren und morgen ist auch noch ein Tag. Glauben wir.

Ungewollt streift mein Blick eher zufällig den Briefkasten, ein größerer Umschlag hat sich darin verfangen. Der Zusteller war wohl in Eile und schaffte es nicht, das Papier richtig einzuwerfen. Irgendwann hatte er mir mal gesagt, dass er keinen 8-Stunden-Tag, sondern einen 800-Briefe-Tag hat. Das erklärt natürlich manches.
So ein Blickfang lässt keine Ruhe. Ich also wieder hoch, drei Schritte gehen, den Brief schnappen, wieder zurück auf die Couch, gemächlich in die Kissen fallen lassen und neugierig den Absender eroieren. Nachlassgericht. Hmmm, jetzt kommt also doch die Belohnung. Opa vermacht uns ein Vermögen, wir müssen nur noch unterschreiben.

Fehlanzeige. Opa hat einen schriftlichen Willen verfügt.
Wir erfahren zwei Wochen später bei der Testamentseröffnung, das er nicht das Ekelpaket war, für das wir ihn gehalten hatten. Er war ein Ober-Ekelpaket, er toppt den letzten mit dem allerletzten Willen. Mama soll jeden Freitag einen Strauß frischer Blumen an seiner Grabstätte abwerfen, ein Vaterunser dazu herbeten und auf der Rückfahrt mit dem Kapitän eine weitere Flasche Küstennebel leeren.
Der testamentvorlesende Vollstrecker schaut mitleidig zu uns herüber, bemerkt unsere Fassungs- und Sprachlosigkeit und erweist sich in dieser Situation als völlig beamtenuntypischer, rettender Engel. Ich liebe kaffeeschlürfende Staatsdiener, wenn sie nebenbei auch die menschliche Verzweiflung vor ihnen sitzender Unschuldslämmer bemerken und mit der Lösung für alle angestauten Probleme über den Beamtenschreibtisch herüberkommen. Dieser hier war so einer.
Siegessicher lächelnd wendet er die soeben noch vor seiner Starkbrille hin und her geschwungene Willensbekundung meines Opas. Wir dürfen einen hastigen Blick darauf werfen und erkennen sie wieder, Opas handschriftähnliche Sauklaue.
Ich konnte seine mittelalterlichen Schriftzeichen noch nie deuten, auch Mama ließ sich immer vorlesen, wenn tintenklecksverzierte Opa-Briefe ankamen. Doch Oma ist schon lange nicht mehr. Sie war die einzige, die buchstabenweise das Geschreibsel entziffern konnte. Es ist mir ein Rätsel, dass der Standesbeamte hier etwas Brauchbares rauslas.
Ich frage ihn danach.
Nun ja, min Sohn, wenn das so ist, dann lege ich mein Augenfahrrad beiseite und konstatiere – unleserlich, keine Unterschrift, kein Datum, kein Zeuge…
… u n g ü l t i g!

Ich hätte ihn küssen können, so ein Sabberschmatz unter Männern. Mama und ich liegen uns vor Erleichterung in den Armen, der Kollege von Gegenüber gießt seinen Kaffee nach, wir sagen Danke und verlassen das Amt auf Amts Wegen.
Wir haben nichts geerbt – und sind trotzdem überglücklich.
Opas allerletzter Wille fällt seiner nicht entschlüsselbaren Handschrift zum Opfer.

Ich habe noch zwei Tage wegen eines Familiensterbefalls frei, mein Opa ist gestorben.
Dann muss ich wieder im Historischen Museum für Völkerkunde meinen Dienst als Schriftsachverständiger und Übersetzer für altkyprische, kypro-minoisch verzierte Fundstücke aufnehmen. Ich liebe meinen Job.
(c)casus. 2012


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