»Der Politische Asche-Mittwoch« Folge 65 ‘Tod der Steuerfahndung’
“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”
‘Tod der Steuerfahndung’
Ragna Schirmer, die Pianistin mit dem Halleschen Drang nach Händel, heute früh im Frisörsender mdr Figaro: „Ich kann nicht verstehen, warum die Kultur in unserem Land zu Tode gespart wird. Eines Tages wird man sagen, Deutschland war das Land mit der dichtesten Kulturlandschaft. War.“ (sinngemäß).
Ragna war gestern nicht Gast Matthias Schluttigs „Tod eines Steuerfahnders“ in der Leipziger naTo. Hier hätte die Pianistin mit dem „losen Mundwerk“ eine Antwort gefunden oder finden können. Ganz abgesehen davon, dass die begnadete Klaviervirtuosin, die derzeit ihre ganz privaten kleinen Händel-Festspiele nachholt, die Antwort natürlich weiß. Wenn weniger als an einem, in Worten EINS, Prozent des Gesamthaushalts so radikal gekürzt wird, hat dies natürlich nicht nur finanzpolitische, sondern ganz klar parteipolitische und damit überhaupt politische Gründe.

August Geyler als Malermeister, hier noch in der Embryophase.
Wenn auf der Bühne das tatsächliche Szenario um die Frankfurter Steuerfahndung V nachgespielt wird, wenn Staatsdienern die Krallen gestutzt und Personen und Konten und Steuersündern jenseits der 400.000 Euro-Grenze aus der Schusslinie genommen werden, dann darf auch der hochschwangere Roland Koch als einziger die Autobahn-Raststätte ohne unter dem Tisch hindurchzurasen verlassen. Ein bühnen- und nachwuchstechnischer Gimmick, den wohl nur die anwesenden Theaterbesucher, vornehmlich MitarbeiterInnen der diversen Leipziger Betriebsprüfungen, verstehen.
Apropos verstehen; das befürchtete Chaos um das Verstehen der zahlreichen „Kriegs“-Schauplätze, das Hineinschlüpfen der fünf hervorragend besetzten Bühnenrollen in die diversen Persönlichkeiten aus Politik, Finanzkapital und Medien der End-Neunziger Jahre blieb aus, wenn man nur einigermaßen im gesellschaftspolitischen Alltag bewandert oder wenigstens am Rande die Frankfurter Machtspielchen verfolgt hat.
Dargestellt durch Julia Shvets als Simone Schad, Helmut Kohl, Mandy, Franz Joseph Jung, Theo Weigel und Kochs Assistentin Frau Kolwalski, durch Kerstin Wefel als Erika Piesch, Volker Bouffier, Margrit Lichtenhagen und zahlreiche Kleinrollen als Haftrichterin, Zahnärztin, Bankmanagerin, Gutachterin, Journalistin, Bürgerin, durch August Geyler als Marco Wehner, Roland Koch, Martin Kohlhausen, Herr Schneider und Malermeister, BKA-Fahnder, Unterhändler, Wach- und Stubenhund, Bodyguard, durch Uwe Kraus als Frank Wehrheim, Manfred Kanther, Karl Heinz Weimar, Journalist und Bürger und durch Robert Lüddecke als Rudolf Schmenger, Mario Vittoria, Prinz Sayn von Wittgenstein, Ferrero-Schmiergeldüberbringer, Commerzienbänker, Koch-Referent und Kasseler Bürger.
Irgendwas unklar an der Besetzung?
Wer sich höchstpersönlich von der unwirklichen, künstlich aufgeblasenen und bühnenbildnerisch völlig überzogenen Aufführung gestern Abend in der naTo überzeugen will, der lese entweder weiter die auf seichtem Filterpapier gedruckten Printmedien oder gehe einfach nur ins Theater.
So lange es noch eins gibt.
Ich gebe Matthias Schluttig 6 Monate und der Leipziger Theater-Szene 6 Jahre.
Danach redet niemand mehr von den Brettern, die einst eine verkehrte Welt bedeuteten.
Prädikat: 100% empfehlenswert.
„Tod eines Steuerfahnders“, eine Produktion von DramaVision|Leipzig
©casus. 2013
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