Episode Vier – ‘Die Heilige Jungfrau’
“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”
Alle Aufregung der letzten Tage hat sich gelegt.
Mutter war von den Un.Toten auferstanden aus Rubinien, die unter unserem Fenster wachsen, Vater ist für seinen Geniestreich, wenn auch nicht fürstlich, so doch immerhin entlohnt worden. Sina wird wohl noch ein paar Tage benötigen. Sie braucht immer länger als wir. Das geht frühmorgens im Bad schon los. Doch das ist eine andere Geschichte.
Unsere Familie fügt sich so nach und nach der stinknormalen, grauen Masse. Wir begrüßen die aktuellen Umfragewerte, kennen die bekanntesten Politiker und finden die unbeliebtesten auch blöd.
Vater schafft auf der Autobahn – oder etwas abseits manchmal, Mutter schmeisst den Haushalt und hat einen Akt daran, wenn der Postbote sein Zeitlimit überschreitet, Schwesterherz Sina züngelt mit dem Schrank von nebenan, einem ungemütlichen Packer, ein Kreuz wie’n Schmied, nicht so breit, aber so dreckig, Tintenkleckse überall auf der nackten Haus und immer eine kühle Blonde im Schrank. Ich halte mich aus allem raus. Irgendeiner muss ja normal sein!
Bis neulich.
Da finde ich, noch trunken vom Nachtschlaf, eine Flash-SMS auf meinem Händi. Die leuchtet da in ungewöhnlichen Farben, piept in einem fort und lässt sich auch mit den fiesesten Tricks nicht vom Display entfernen. Ungewöhnlich.
“Jetzt ist es soweit. Ab jetzt geht es um die Heilige Jungfrau. Zieht euch warm an!”
Ich fass’ es nicht. Da ist der Martin nun doch noch rasiert worden.
Martin ist einer meiner guten – doch, mein Gewissen stimmt zu – meiner wirklich guten Freunde. Wir treffen uns meist vor, hinter oder auf der Bühne; also er auf, ich davor oder dahinter – um mal die Konturen etwas gerade zu rücken.
Martin ist eben ein счастливец, würde Dmitri sagen. Dmitri ist ein anderer guter Freund von mir. Oh, ich muss aufpassen, das wird schnell inflationär. Aber er hat recht, Martin ist tatsächlich ein Glückspilz. Dass er jetzt auf zwei liebe Seelen zu Hause ein Auge werfen muss, ist für ihn kein Problem, erstens hat er genug und zweitens macht er das mit links.
Und natürlich gebe ich ihm gute Ratschläge mit auf den Weg, nur für den Fall, er bekommt nicht genug. “+++ Stop +++ Maria ausgiebig Schreien lassen +++ STOP +++ das ist gut für eine angehende Rockröhre +++ STOP +++ Alles Liebe +++ STOP +++”
Bis demnächst vor der Bühne.
Der Schrank von nebenan klingelt. Ich überhöre es standesgemäß, denn Sina ist noch zur Nachhilfe. Sie packt das einfach mit dem primitiven Dreisatz nicht. Und der Klecks da vor der Tür, bringt ihr auch nur Dinge bei, die sie von allein kapiert. Wie es die Meerschweinchen … zum Beispiel.
Ich zieh den Bose auf meinem Kopf fester, Geräusche von außen haben es jetzt noch schwerer, dreh den Volume-Regler auf Anschlag und versetz mich in Debussys La Mer. Die Wellen kommen ganz nah auch an die letzte Windung in meinem da oben. Ich entschwinde.
Erst Freitag Mittag bin ich zurück, denn Pfarrer Geißlein heiligt Maria.
Wenn der wüsste.
(c)casus. 2012
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