»» Der Politische Asche-Mittwoch ««­ Folge 54 ‘Freiheit, die ich meine’

Das viel zitierte Freiheits- und Einheitsdenkmal, das Leipzig nach 25 Jahren friedlicher Revolution nun vorgesetzt bekommen wird, existiert gerade mal in den Köpfen einiger profilierungssüchtiger Politiker und einer Handvoll Personen, die im öffentlichen Leben zu Hause sind, dazu noch auf den elektronischen Spielzeugen von zuletzt drei Konstruktionsbüros, die mit bis zu 70.000 Euro für ihre Entwürfe entlohnt wurden.
Fragt man die Leipziger Bürger, und gerade erst hat die hiesige Lokaljournaille das getan, sprechen sich bis zu 94 Prozent der Befragten sowohl gegen ein Einheitsdenkmal in der geplanten Form als auch gegen die Umbenennung des dafür zu bebaueneden Wilhelm-Leuschner-Platzes aus.

Profilierungssucht 2.0
Dass gegen den Willen der Mehrheit der Bürger Leipzigs ein Rathaus-gewolltes Projekt durchgezogen wird, sind wir mittlerweile gewohnt und außer sporadischen Leserbriefen und personell unterbesetzten Demonstrationen auf den holprigen Straßen der Messestadt bleibt der Protest wohl auch am Stammtisch und im heimischen Wohnzimmer stecken. Aber dass eine sozialdemokratisch geführte Rathausspitze den Namen Wilhelm Leuschner aus dem Stadtbild verbannen will, erscheint da schon hinterfragenswert. Eine Alternative zum Platz am Innenstadtring ist nicht einmal am Horizont sichtbar, entgegen aller Beteuerungen von OBM Jung.

“Wilhelm Leuschner war seit 1913 SPD-Mitglied, führte ab 1928 das hessische Innenministerium und wurde, weil er NS-Dokumente über die geplante Machtergreifung veröffentlichen ließ, zu einem der meistgehassten Gegner der Nazis. Von Mai 1933 bis Juni 1934 war er inhaftiert. Später baute er ein Widerstandsnetzwerk auf, das auch mit der Gruppe um den langjährigen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler zusammenarbeitete. Beide hätten hohe Regierungsämter übernehmen sollen, wenn der Umsturz vom 20. Juli 1944 geglückt wäre. Nach dessen Scheitern wurden sie hingerichtet.” (ND, 21.10.2011 “Revolution gegen Widerständler”)

Nun also das Denkmal, das schon im Namen so verworren daherkommt.
Freiheit und Einheit vertragen sich wie Meinungsfreiheit und Fraktionszwang, wie Rot und Rosa, wie Mondschein in der Mittagssonne; nämlich gar nicht!
“Dieses Land ist es nicht” sang Rio Reiser einst. Der Traum ist aus.
Diese Freiheit ist es nicht, die wir meinten. Und das an die Adresse von Herrn Quester, seines Zeichens grüner Stadtrat und Mitglied der Denkmal-auswählenden Jury. Denn ausgerechnet dieser waldfarbene Rathauspolitiker findet Argumente gegen den von den Leipzigern – wenn schon – favorisierten, aber von der Jury an den Katzentisch verwiesenen, drittplatzierten Entwurf des Leipziger Büros Anna Dilengite, Tina Bara und Alba d’Urbano, der den Wilhelm-Leuschner-Platz in einen rund 3.500 Quadratmeter großen Obstgarten verwandeln würde. Grüne Natur inmitten betonstrotzender Bauhäuser und glassteinverzierter U-Bahn-Schächte. Welch herrliche Vorstellung, dass tausende Leipziger zur Apfelernte von der Frucht der Versuchung naschen!

Keine dokumentierte Gegenrede findet sich von Roland Quester, als das Bildermuseum in der Innenstadt den historisch gewachsenen Sachsenplatz ersetzte und fortan der Blick auf die restaurierten Fassaden der Bürgerhäuser in der Katharinenstraße versperrt wurde.
Allen Ernstes fühlt sich grüne Politik von einer hügeligen Naturlandschaft belästigt und führt ins Feld, dass dann möglicherweise der Eingang zum City-Tunnel nicht zu finden ist! Für wie blöd werden die Leipziger und ihre Gäste hier verkauft? Streut doch einfach ein paar Brotkrumen, denen die Suchenden folgen können.
Wenn die Krumen dann von den Spatzen aufgepickt werden, kann man neue streuen. Ganz im Sinne des Siegerentwurfs, der lose Alu-Sessel zum Mitnehmen aufstellt.

Die wirkliche Freiheit des Einheitsdenkmals beruht auf der Freiheit der Gestaltung, der Freiheit der Konstruktionsbüros, der Freiheit der Auswahl durch Auserwählte.

Kaum anzunehmen, dass, welcher Entwurf auch umgesetzt wird, ein nach dem Weg zum Freiheitsdenkmal gefragter Ortsansässiger sagen wird: “Gleich da drüben, auf dem ehemaligen Wilhelm-Leuschner-Platz, das bunte Rechteck.”

Freiheit, die ich meinte…
(c)casus. 2012
Foto: googlemaps


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