»» Der Politische Asche-Mittwoch «« Folge 53 ‘Schwarze Kunst & 500 Gedichte’
“Du musst 500 Gedichte schreiben, um mit 2 oder 3 davon in den Gedanken der Menschen in Erinnerung zu bleiben.”
So ähnlich äußerte sich dieser Tage eine Schriftstellerin im Mitteldeutschen Rundfunk mdr figaro. Leider habe ich mir ihren Namen nicht gemerkt; offenbar müssen noch 499 Schriftsteller sich äußern zuvor.
Trotzdem ist diese Aussage bemerkenswert, vor allem im Kontext mit der Story dieser Sendung, in dem es um Urheberrechte und Urheberschutz ging. Die nette Schreiberin hielt für 2 Gedichte soviel Tantiemen für gerechtfertigt, wie für 500 zum Schreiben notwendig sind.
Na gut, das ist nicht mein Thema heute.
Günter Grass hat nach kurzer Zeit ein zweites bemerkenswertes Gedicht vorgelegt und damit wohl den Unterhalt für einige Zeit gesichert.
Nachdem neulich schon etwas “gesagt werden musste” ist jetzt das bedrohte Griechenland, die “Wiege der Menschheit”, Inhalt seiner politisch-literarischen Auseinandersetzung.
Bemerkt ihr das auch?
Die Beschäftigung mit gesellschaftlich wichtigen Themen wird zunehmend in politikfremde Kreise verlegt; offenbar finden die Berufspolitiker keine befriedigenden Antworten (mehr)?
Graeber, Sarrazin, Grass… um nur einige zu nennen, ohne diese in ein und diesselbe Schublade stecken zu wollen.
Wichtig für die gesellschaftlich notwendige Konversation sind sie unstrittig alle.
Europas Schande
Ein Gedicht von Günter Grass
Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.
Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.
Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.
Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.
Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.
Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.
Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.
Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.
Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.
Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.
Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.
Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.
(ungefragt kopiert aus sueddeutsche.de)
(c)casus. 2012.
Foto: wikipedia.de
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