Der Politische Asche-Mittwoch, Folge 42 ‘Jewgeni Chaldej und Robert Capa – Die manipulierten Momente’

Jewgeni Chaldej und Robert Capa – Die manipulierten Momente

Das Foto des wohl bekanntesten russischen Kriegsfotografen wurde zum Synonym des Sieges über Hitlerdeutschland; ein Rotarmist hisst die Rote Fahne auf dem Berliner Reichstag.

Auch Robert Capa, das US-amerikanische Pendent, wird mit einem offensichtlich gestellten Foto in die Geschichte der bebilderten Kriegsberichterstattung eingehen; der sterbende republikanische Soldat im Spanischen Bürgerkrieg 1936.
Robert Capa, in Leipzig derzeit in aller Munde und sogar für ein zum Abriss freigegebenes Gebäudeensemble im Westen der Stadt muss mittlerweile sein Name herhalten, das ‘Capa-Haus’.

Am 30. April 1945 besetzten die ersten russischen Stoßtrupps den Reichstag bei kaum Gegenwehr. Noch am gleichen Tag hissten sie Hammer und Sichel auf dem Gebäude. Dieser Moment blieb jedoch undokumentiert, ob nun wegen Dunkelheit oder weil noch kein Kriegsberichterstatter soweit vorgerückt war ist nicht überliefert.
Erst zweit Tage später trifft Chaldej in der Hauptstadt des Deutschen Reiches ein, erkennt die Lage, schnappt sich einen jungen Rotarmisten und eine frisch genähte Flagge, erklimmt die Reichstagsspitze und schießt die berühmte Bilderserie. Später wird seine Tochter Anna berichten, dass am Foto weitere
Manipulationen vorgenommen wurden. So wurde dem Soldaten eine Armbanduhr wegretuschiert, um den Eindruck der Plünderung nicht aufkommen zu lassen und Chaldej überlagerte die zerbombte Berliner Skyline mit Rauchschwaden, um die Dramatik des Krieges und der Gefahr zu verdeutlichen. 

Nach Kriegsende gerät Chaldej in die Fänge der stalinistischen Säuberungskommandos, wird von seinem Arbeitgeber TASS entlassen, arbeitet dann aber doch ab Mitte der 50er Jahre bei der Prawda in Moskau.
Letztmalig kommt er in die Schlagzeilen, als er 1994 den Abzug der russischen Soldaten im Treptower Park dokumentiert. Drei Jahre später stirbt er verarmt in seiner Moskauer Heimat.

Robert Capas Spanienfoto wurde weit hinter der seinerzeitigen Kampflinie aufgenommen, so dass auch hier von einem gestellten Augenblick auszugehen ist. Capa selbst hat sich dazu wohl nie geäußert.
Am 18. April 1945 kommt er mit dem US Infanterie Bataillon “Heavy Weapons Company” (Quelle/R
echerche: Jürgen Möller) nach Leipzig und schießt das Foto des ‘Letzten Toten des II. Weltkriegs’, so der Geschichtseintrag. Dokumentiert ist diese Tatsache freilich nicht, denn die Kriegshandlungen waren noch nicht beendet und selbst in Leipzig, wo sich die SS und Reste der Wehrmacht im Völkerschlachtdenkmal verschanzt hatten, wurde weiter erbarmungslos gekämpft.
Das Foto des sterbenden Raymond J. Bowman, der von einem deutschen Karabiner (so ein Zeitzeuge, der mit mir an der gegenüberliegenden ehemaligen Gas-Tankstelle den ‘Tatort’ besichtigt hat) tödlich getroffen wird, dient derzeit einer Leipziger Initiativgruppe als Ausgangspunkt zum Erhalt des Gebäudeensembles Jahnallee 61/Luppenstr. 26/28. Hier auf dem Balkon einer Wohnung im 2. Stock des heute baufälligen Gebäudes spielten sich diese dramatischen Miunuten ab.
Bowmans Kamerad Lehman Riggs übernahm das verwaiste Maschinengewhr an diesem denkwürdigen Tag. Riggs, der heute noch lebt, wird bisher die Anerkennung mit der Ehrennadel durch die Leipziger Stadtverwaltung verwehrt.

Der Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch alliierte Flieger ist noch Pressethema, die Gefahr erneuter rechter Gewalt und Gehirnwäsche nicht vom Tisch – es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Geschichte nicht zu vergessen und vergessen zu lassen.
Was Chaldej und Capa mit ihren Fotos dokumentierten dürfen wir nicht durch leichtfertige, politisch geprägte und finanziell begründetete Geschichtsklitterung aufs Spiel setzen.

Das ‘Capa-Haus’ am Rosenthal muss als Mahnmal und Rückzugsstätte für Erinnerung und Nicht-Vergessen erhalten bleiben! Das sind wir den Opfern, den Millionen Zivilisten und Hunderttausenden Soldaten, die ihr Leben für unsere Freiheit gaben, schuldig.
Es klingt groß, es ist viel größer!
(c)casus. 2012
Fotos: (c)Magnum, web, unbekannt


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