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Das Sterbewerk*_Episode #006 ‘Vorsorge’
“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”
Erich Loest wird überbewertet.
Habe ich kürzlich in einem blog geschrieben und bezog mich dabei zwar auf den allgemeinen Umgang mit dem Schriftsteller, konkret ging es aber um seine Worte aus dem Roman “Nikolaikirche”: …”Die Stadtluft hatte einen Geschmack angenommen, der aus verschwelter schlechter Kohle, aus faulenden Dächern und Balkonen, aus dem Salpeter hinter dem bröckelnden Putz und den Schwaden der Zweitakter zusammengesetzt war.”
Auch wenn ich nach wie vor den Hut ziehe vor Loests Lebensleistung, seine unerbittliche Vergangenheitskritik ohne Wohlfühlschlupfloch geht mir auf den Senkel.
Ich hab dann noch ergänzt, dass “ich befürchte, es ist heute schwieriger eine realistische Geschichtsbetrachtung anzumahnen, man gerät zu schnell in die Ewig-gestrig-Sein-Ecke. Das wäre dann unzutreffend.”
Viele Menschen aus dieser ‘stinkenden Dreckschleudergesellschaft’ sind heute hochbetagt und sehen diese Zeit der materiellen Entbehrung und sozialgesicherten Offenbarung durchaus differenzierter. Und sie handeln.
In Anbetracht des nahenden Lebensendes treffen sie Vorsorge “für die Zeit danach”. Denn der sie jetzt umgebende Staat und das ihm immanente gesetzliche und private Versicherungswesen haben sich aus dieser Verantwortung 2004 mit der Streichung des Sterbegeldes verabschiedet. Die Folge sind u.a. zunehmende Sozialbestattungen, verbunden mit einem oft unwürdigen staatlichen Geschacher um Bedürftigkeit und Angemessenheit. Hinter deutschen Behördenschreibtischen wird festgelegt, was Hinterbliebene unter angemessen und würdig zu verstehen haben; von den stark abweichenden regionalen Vorstellungen ganz zu schweigen.
Nach langem Tauziehen – und ich meine da durchaus das Ziehen am gleichen Strick, nur in unterschiedlicher Richtung – hat im Februar das Oberverwaltungsgericht in Münster ein richtungsweisendes Urteil gesprochen. Wenn auch schwer vorstellbar in Anbetracht der sonstigen Rechtssprechung, könnte damit das Ende der unseligen Sozialbestattungen eingeläutet werden. Die Richter in NRW haben allgemeingültige Richtlinien formuliert und Vorsorgenden und Hinterbliebenen einklagbare Richtwerte in die Hand gegeben.
Das Urteil basiert auf einem 3-Säulen-Modell als Berechnungsgrundlage:
“- (dass) die ausschließliche Zweckbestimmung von dem (hier:) Heimbewohner eindeutig und für ihn verbindlich getroffen,
– der diesbezügliche Vermögensteil aus dem übrigen Vermögen eindeutig ausgegliedert und
– die Zweckbestimmung in einer zum Nachweis geeigneten Form textlich niedergelegt worden ist.” (aus Beschluss Az. 12 A 1255/12, OVG Nordrhein-Westfalen, 27. Februar 2013)
Konkret hatte eine Heimbewohnerin geklagt, die behördlich verfügt ihre Bestattungsvorsorge in Höhe von 6.000€ auflösen und dem täglichen Lebensunterhalt zuführen sollte.
Tipp: Der gesamte Gesetzestext kann in unseren Filialen und online zum Beispiel hier -> http://www.openjur.de nachgelesen werden.
Dem aufmerksamen Leser wird ein weiteres Mal nicht entgangen sein, wie wichtig gerade hier eine persönlich fixierte Vorsorgeregelung sein kann, wenn man nicht riskieren will, anonym und fernab jeglicher Selbstbestimmung auf amtlichen Wege verschachert beigesetzt zu werden.
Meine Rede.
(c)casus. 2013
Das Sterbewerk*_Episode #001
Er ist ein armes Schwein!
Ich hab ihm das gleich zu Anfang gesagt, da war er noch nicht in der Wohnung.
Als dann noch sein Kollege die schweren Bestatterstiefel über die Türschwelle schob, hatte ich keine Worte mehr parat, um mein Bedauern zu toppen. Der Nachfolgende war so eine schmächtige Erscheinung von vielleicht einem Zentner, völlig falsch verteilt auf circa ein Meter sechszig. 50-80-90, Pi mal Daumen.
Wenn die beiden meine Oma vier Etagen durch den engen Treppenflur transportieren wollen, na dann Gute Nacht. Vielleicht haben sie ja Beziehungen zu einem Möbeltransportunternehmen, die könnten die Drehleiter zur Verfügung stellen. Aber irgendwie sollte das nicht meine Sorge sein, dachte ich mir.
Mit Ansage zogen die Schwarzfahrer sich dann auch noch einmal an ihren Extra-langen-Daimler zurück. Offiziell um die notwendigen Papiere zu holen, inoffiziell müssen sie ewig in dem schicken Edelgefährt gekramt haben, denn sie kamen erst nach gut zwanzig Minuten wieder hoch. Versteinert die Gesichter, keine Miene verzogen.
Der Papierkram dauerte ewig und mich beschlich mehr und mehr das Gefühl, sie könnten ihren Aufenthalt noch bis Mitternacht hinauszögern. Meine Westminster hatte gerade 21:30 Uhr geschlagen, Zeit für die heute-Show. Leute, nun macht endlich hin, Oma hat sowieso nie zugesehen, sie hat den Welke nie verstanden. Nicht, weil er nicht laut genug gesprochen habe, nein, der hat so anders als die anderen Mainzelweibchen und Mainzelmännchen geredet. Na und der Heist erst, der wo den Hassknecht spielt, äh, schreit. Um Gottes Willen, das geht doch auf keine Gebührenzahlerfernsehkuhhaut.
Aber ich schweife ab.
Irgendwann so kurz vor Tagesultimo dann war auch der letzte Kaffee kalt, die gefühlt dreißigste Unterschrift getrocknet und es gab kein Entrinnen mehr. Oma musste raus aus der Wohnung und eine Drehleiter weit und breit nicht in Sicht.
Was jetzt passierte, werde ich wohl nie vergessen. Genau so wie mir Omas immer wiederkehrende Gruselgeschichte aus dem Luftschutzkeller in der Normannenstraße nicht mehr aus dem Sinn gehen wird. Doch auch das ist eine andere Geschichte. Ich werde sie jedenfalls nie wieder live und in Farbe erzählt bekommen.
Die Abholbestatter waren inzwischen wohl ausreichend aufgewärmt, die Papiere verstaut, Oma frisch gewindelt, mit ihrer Lieblingsbluse und der langen Baumwollhose, mit der sie gestern noch Wäsche-Aufhängen im Hof war, angekleidet, im provisorischen Holzsarg verstaut und für den Abtransport gem. §21a angeschnallt. Sicherheit im Hausflurverkehr.
Ich musste mich auch anschnalllen, sonst wäre wohl etwas Unüberlegtes passiert.
Der Vorreiter holte eine Art zusammenklappbaren Kühlschrank aus dem zugegebenermaßen überdimensionalen Ledercollege, entfaltete das gute Stück, versteifte die Kanten mit flinken Handbewegungen und vormontierten Stahlstreben, fragte mich nach einer Steckdose, möglichst Kraftstromanschluss und schielte noch etwas abwesender hinter der dunklen Designerbrille hervor.
Eine freie Steckdose hatte ich nicht, Omas Aufputzdosen stammten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts und was damals Kraft war ist heute Pupppenstubenbeleuchtung.
“Na gut, geht auch, manchmal fliegen halt die Sicherungen raus, das kommt oft vor. Sie wissen, wo wir die wechseln können?” – Nein, wusste ich nicht, aber ich werde es schon finden, machen sie nur erst mal. Es kam, wie es kommen musste, ein mittelgroßer Knall und das Haus war dunkel. Ausgerechnet als Hassknecht gerade zum Fluchen ansetzte. Omas späte Rache.
Der nächsten und der übernächsten Sicherung erging es ähnlich, dann haben wir etwas gewartet und danach blieb die Leitung stabil. Manchmal ist Ausdauer doch hilfreich.
Der kühlschrankähnliche Kasten mit Stromanschluss war natürlich kein Kühlschrank, dachte ich mir schon. Eine Flasche gut Gekühltes hätten die Daimlerfahrer auch von mir bekommen. Stolz präsentierten sie ihre MES, liebevoll auch MVO genannt. Meine Ungläubigkeit steigerte sich nur noch im Beichtstuhl von Bruder Tutorius, der eigentlich mein Nachbar Tutmann ist und von dem ich außer den Todsünden seiner Schäfchen auch allerhand Klatsch und Tratsch aus der Stammkneipe erfahre.
Das MES, die Mobile Einäscherungsstation oder eben auch der mobile Verbrennungsofen, taten jetzt zuverlässig ihr Werk, ihr Sterbewerk*.
In Nullkommanix passte Oma in eine provisorische Aschekapsel von 17×23 Zentimeter und mit ihr all die schönen Dinge, die sie sowieso nie aus der Hand legte. Egal, jetzt war es nur noch Asche und niemand bedauerte den Verlust des nagelneuen iPhones; Oma hatte die Pin sowieso nie rausgerückt. Ein Stilleben: Smartphone mit Oma!
Als ich meinen Mund endlich wieder zumachen konnte, war der Daimler längst um die nächste Ecke in der neblig-schwarzen Nacht entschwunden. Was jetzt noch nicht gefragt war, blieb auf Ewigkeit unbeantwortet.
Ruhe? – Nein, die zieht so schnelll hier nicht wieder ein. Auch weil jetzt neuerdings ständig die Sicherungen rausfliegen. Ob heute- oder Morgen-Show, egal, nichts ist von Dauer. Ich hab inzwischen den Schreck verdaut und finde die Idee mit der MES ganz praktisch. Nur, warum musste gerade Oma als Versuchkaninchen herhalten. Nachbarsjunge letzte Woche hätte den Stromkreis nicht zum Erliegen gebracht. Er war am nahen Dorfteich auf Millimeter dünnem Neu-Eis eingebrochen. Die Bestatter kamen mit einem MSF zum Tatort. Auch der mobile Schockfroster war ein Prototyp.
(c)casus.2013
*Kreativwortschöpfung

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