Nean, der Thaler
Eine „uhrländische“ Geschichte von Widerspruch, von Liebe und Freundschaft und von Nean, der durch die Vergangenheit spaziert, uns Geheimnisse verrät und doch selbst ein Geheimnis ist.

Nach den fast autobiografischen Erzählungen von Land und See, von Leben und Tod, habe ich mich etwas zugewandt, das mehr sein könnte als eine ungewöhnliche Geschichte. Ich habe einen Ansatz gewählt, der sich nicht einfach in eine Schublade stecken lassen muss. Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Projekts.
Mein Professor hat einen Satz formuliert, an dem ich mich reiben darf. Wenn es keine historische Fantasy gibt, dann schreibe ich eben eine. Aber ich will nicht versuchen, die Literaturwissenschaft mit einem Etikett zu überzeugen. Ich überzeuge sie mit einem Roman, der seine eigene Wirklichkeit erschafft.
Was mir an dieser Geschichte besonders gefällt, ist, dass ich Nean nicht einfach durch die Vergangenheit spazieren lasse, damit er uns ein paar Geheimnisse verrät. Er ist selbst das Geheimnis. Ein Wesen, das sich an Dinge erinnert, die in keinem Geschichtsbuch stehen können, und das trotzdem nicht behauptet, alles zu wissen. Er kennt die Grenzen seiner Erinnerung. Er kann sich irren. Er hat Menschen verloren, Hoffnungen begraben und Dinge gesehen, für die ihm die Worte fehlen. Gerade dadurch wird er glaubwürdig.
Und dann sind da meine vier Gegenwärtigen: Caspar Tide, Caspar da Vita, Gordon Blöh und Jocadöl. Sie sollen Nean nicht bloß zuhören. Sie werden seine Erzählungen hinterfragen, sich widersprechen, recherchieren und gelegentlich Dinge entdecken, die Nean selbst anders verstanden hat. Jocadöl wird dabei immer wieder jene einfache, kluge Frage stellen, an der die großen Erklärungen der drei Männer scheitern. Gordon darf Unsinn reden, ohne dass er deshalb dumm sein muss. Und Caspar Tide darf nach Zusammenhängen suchen, ohne jede Antwort bereits zu kennen.
Die eigentliche Kunst wird darin liegen, drei Ebenen miteinander zu verweben:
- Die Geschichte: Was könnte ein Wesen erlebt haben, das die letzten Neandertaler kannte, die großen Klimaveränderungen durchlebte und länger blieb als alle Menschen, die es liebte?
- Das Geheimnis: Was hat Nean gesehen, das sich nicht ohne Weiteres erklären lässt? Was ist Erinnerung, was Deutung, und was könnte tatsächlich hinter den Grenzen unseres heutigen Wissens liegen?
- Die Fantasy: Was, wenn Nean nicht nur Zeuge der Vergangenheit ist, sondern auf eine Weise mit ihr verbunden bleibt, die unsere vertrauten Vorstellungen von Zeit und Wirklichkeit überschreitet?
Ich werde dabei nicht behaupten müssen, Mu habe nachweislich existiert oder die Sumerer seien die Erben einer vergessenen Welt gewesen. Ich werde solche Vorstellungen in meine Geschichte aufnehmen, sie durch Neans Augen betrachten und sie erzählerisch wachsen lassen. Die historische Forschung bildet dabei den Boden, von dem ich mich entfernen darf. Aber wir sollten immer wissen, wann wir den Boden verlassen und wann wir wieder auf ihm stehen. Gerade dann wird das Fantastische seine Wirkung entfalten.
Und noch etwas ist mir wichtig: Nean wird nicht zum allwissenden Propheten werden, der schon vor Jahrtausenden alles verstanden hat, was die Menschheit heute falsch macht. Er hat sich geirrt. Er hat gehofft, wo Vorsicht angebracht gewesen wäre. Er hat Dinge übersehen und andere erst verstanden, als es zu spät war. Seine lange Lebenszeit hat ihm nicht automatisch Weisheit geschenkt. Sie hat ihm lediglich die Gelegenheit gegeben, seine Irrtümer lange genug zu überleben, um sie zu erkennen.
Vielleicht liegt darin der Kern des Romans: Ein Mensch, der beinahe die gesamte Menschheitsgeschichte überlebt hat, muss feststellen, dass langes Leben nicht bedeutet, die Geschichte zu verstehen. Es bedeutet nur, lange genug mit ihren Folgen leben zu müssen.
Und irgendwann werde ich Nean von den alten Landschaften zu den ersten Städten führen, von den vergessenen Spuren zu den Sumerern, nach Ägypten und weiter. Vielleicht wird er etwas wiedererkennen, das er vor Jahrtausenden schon einmal gesehen hat. Vielleicht wird er sich irren. Vielleicht werden meine vier Gegenwärtigen etwas entdecken, das Nean selbst nie erkannt hat. Und vielleicht wird sich irgendwann die Frage stellen, ob die Vergangenheit wirklich vergangen ist oder ob wir nur verlernt haben, ihre Spuren zu lesen.
Ich kann das alles noch nicht heute entscheiden. Die Geschichte darf sich entwickeln, so wie Nean sich erinnert: langsam, mit Lücken, überraschenden Verbindungen und gelegentlichen Augenblicken, in denen die Welt für einen Moment anders aussieht als zuvor.
Auf Nean, den letzten seiner Art – oder vielleicht doch nicht ganz.
© Casus. 2026
Entdecke mehr von cc_blog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.