Was der Bestatter heute macht…

Falls Sie ihn suchen.

Wer dieser Tage an den Schaufenstern in der Leipziger Straße 58 vorbeigeht, sieht hinter den Scheiben womöglich nicht sofort Bewegung. Über Jahrzehnte war dies eine der verlässlichsten Anlaufstellen im Ort – eine Adresse, an der Schmerz aufgefangen, organisatorische Last abgenommen und mit leiser, unaufgeregter Würde Abschied genommen wurde. Ein Ort des Übergangs, an dem das Schweigen oft mehr wog als tausend Worte. Doch wer glaubt, dass es im Haus mit der Nummer 58 nach all den Jahren still geworden ist, der täuscht sich gewaltig. Der Mann, der über so viele Jahre hinweg den Menschen unserer Gemeinde in ihren schwersten Stunden zur Seite stand, hat seinen Stift nicht aus der Hand gelegt. Er hat nur das Papier gewechselt. Statt Urkunden und Abschiedskarten füllen sich nun weiße Buchseiten.

Der Bestatter hat ein Buch geschrieben. Und es wird ein zweites folgen.

Von Hochsee-Gischt und schweren Trossen

Was viele im Ort bis heute nur vom Hörensagen kennen: Bevor der Hausherr in der Leipziger Straße sein Handwerk aufnahm und zum ruhenden Pol der Gemeinde wurde, zog es ihn auf die ganz großen Gewässer. Jahrelang fuhr er auf Hochseeschiffen und Frachtern, trotzte den unerbittlichen Gewässern des Atlantiks und den eisigen Winden vor Patagonien. Es war eine harte, entbehrungsreiche Welt aus Stahl, Diesel und Salz. Eine Welt, in der die Männer an Deck und in den Funkbuden nicht nach Worten, sondern nach Taten beurteilt wurden. Die Geschichten aus dieser Zeit erzählen vom Kampf gegen den Fisch und die Naturgewalten, von eisernem Zusammenhalt im Maschinenraum, aber auch von den leisen Momenten in engen Kojen, während in der Heimat die Welt aus den Fugen geriet.

Das Buch schlägt diese Brücke zwischen den rauen, salzigen Weiten des Ozeans und den ruhigen, besonnenen Fluren seines späteren Berufslebens. Es zeigt einen Lebensweg, der geprägt ist vom tiefen Verständnis für die Gezeiten des Lebens – für das ständige Kommen und Gehen, das Festmachen und das finale Ablegen.

Geschichten aus der Leipziger Straße 58

Doch der Blick reicht im Buch nicht nur bis ans Ende der Welt. Ein zentrales Herzstück der Seiten gehört den Erinnerungen aus unserem eigenen Ort, genauer gesagt den Geschehnissen rund um die Leipziger Straße 58. Über die Jahrzehnte sind in diesem Haus Schicksale gekreuzt worden, die bewegender kaum sein könnten. Wer hier eintrat, brachte seine eigene Geschichte mit. Es wurde gemeinsam geschwiegen, manchmal leise geweint und nicht selten – wenn der erste Schock sich gelegt hatte – auch über alte Anekdoten geschmunzelt.

Das Buch fängt diese Atmosphäre mit einer beeindruckenden Bildsprache ein. Es berichtet von den kleinen Begebenheiten hinter den Kulissen, von den Herausforderungen des Arbeitsalltags und von den Begegnungen mit den Nachbarn, Weggefährten und DorfOriginalen. Da ist die Rede von den leisen Schritten auf dem alten Dielenboden, vom Duft nach frischem Kaffee in der kleinen Küche hinter dem Büro und von der tiefen Dankbarkeit, die oft ohne viele Worte mit einem harten Händedruck übergeben wurde.

Vielleicht kommen Sie ja auch drin vor?

Genau diese Nahbarkeit macht das Buch zu einem besonderen Zeitzeugnis für unsere Heimat. Denn zwischen den Zeilen spiegelt sich das Leben der ganzen Gemeinde wider. Wer durch die Kapitel blättert, begegnet bekannten Blickwinkeln, vergessenen Episoden unseres Ortslebens und vielleicht sogar dem eigenen Schicksal. Haben Sie in den vergangenen Jahren einmal an der Tür der Nummer 58 geklopft? Haben Sie am Gartenzaun ein kurzes Wort gewechselt oder beim Bäcker nebenan gemeinsam in der Schlange gestanden? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie beim Lesen auf Details stoßen, die Ihnen nur allzu vertraut vorkommen. Manchmal ist es nur eine Andeutung, eine charakteristische Geste oder eine Begebenheit aus einem vergangenen Jahrzehnt – und plötzlich erkennt man sich oder den Nachbarn in einer der Passagen wieder.

Das Buch ist keine trockene Chronik und erst recht keine traurige Lektüre. Es ist ein lebendiges, mitunter schmunzelndes und stets zutiefst menschliches Werk. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben in all seinen Facetten – vom Tosen der Wellen auf hoher See bis zum leisen Ticken der Standuhr im Besprechungsraum. Wer den Autor kennt, weiß, dass er nie große Worte um seine eigene Person gemacht hat. Umso eindringlicher ist das, was er nun zu Papier gebracht hat. Falls Sie ihn also in den letzten Monaten seltener auf der Straße gesehen haben: Er war nicht weg. Er war nur auf einer Reise durch seine eigenen Erinnerungen.

Das Buch ist ab sofort erhältlich – und wer ein Exemplar aufschlägt, sollte aufmerksam lesen. Es könnte gut sein, dass Sie darin ein Stück Ihrer eigenen Geschichte wiederfinden.

In bleibender Verbindung
Casus Caspari

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