Das Sterbewerk*_Episode #019 ‘20 Jahre und keine Ende’
Trauerredner sind eine der wenigen Berufsgruppen, deren Berufsbezeichnung ihrer Tätigkeit nur äußerst ungenügend gerecht wird. Sie treffen sich mit den Hinterbliebenen, müssen taktvoll und einfühlsam aber trotzdem ein ganzes Leben eroieren, das Leben eines in der Regel völlig fremden Menschen, sie müssen sprachlich versiert die Daten und Fakten zu einem runden Etwas formulieren, um im Endeffekt dann doch mehr oder weniger frei zu den Trauernden sprechen.
Eins allerdings haben sie mit den Pfarrern der Gemeinden gemein. Beide müssen die Hinterbliebenen überzeugen, dass das Leben endlich und auch im Jenseits nicht mehr das ist, was wir auf Erden darunter verstanden haben.
Wir sterben irgendwann und wir sind tot irgendwann.
Der Tod hat uns ereilt, wenn niemand auf Erden mehr von uns Notiz nimmt, wenn Fotos, Schriften und wenn Erinnerungen an uns verblichen und vergangen sind. Und wenn Wind und Wetter unseren Grabstein ausgewaschen und unleserlich gemacht haben.
Das kann an einem Holzkreuz in wenigen Jahren, an einem Granit in hundert Jahren und vereinzelt an einer Grabmauer in tausend Jahren sein. Mitunter greifen Friedhofsverwaltungen kraft ihres Amtes in diesen Todesprozess ein. Dann wird die Erinnerung an einen Menschen nach gerade mal 20 Jahren ausgelöscht.

“Diana Rabe, 1969-1992”
Dieser Stein lag am 26. August 2013 auf dem Friedhof Leipzig-Kleinzschocher direkt vor meinen Füßen, bereit zum Abtransport. Oft werden die Steine geschreddert und als Unterlage für den Straßenbau genutzt.
2007 nahm sich eine kleine Gruppe Ahnen- und Familienforscher dieser Problematik an und schuf als informative Nebenquelle das öffentliche, nicht kommerzielle Grabstein-Projekt. Auch sie stießen auf einen Zeitungsartikel, der das Entsorgen von Grabsteinen nach Ablauf der Ruhezeit beschrieb.
Wenn – aus verständlichen Gründen – natürlich nicht alle Grabsteine durch die Gruppe erhalten werden können, so sollten wenigstens die Familiendaten der Verstorbenen erhalten und zugängig gemacht werden.
Die Initiatoren schreiben dazu:
„Zeugnisse unserer Kultur
Auch aus kulturhistorischer Sicht ist die Sammlung von Grabsteinbildern nicht unbedeutend; die Dokumentation ermöglicht den Vergleich des Stilwandels der steinernen Denkmale. Heutige Grabsteine sind wesentlich schlichter gestaltet als zu vergangenen Zeiten und z.T. nur noch mit dem Namen der Familie beschriftet, ohne nähere Lebensdaten der Einzelpersonen. Besonders im großstädtischen Bereich dominieren grabsteinlose Beerdigungsarten (Friedwald, Seebestattung und die anonyme Beisetzung). Durch das Projekt wird somit ein Teil unserer heutigen Bestattungskultur für die nachfolgenden Generationen archiviert. Mittlerweile hat das Grabstein-Projekt nicht nur bei Genealogen, Heimatforschern und Autoren von Chroniken und Ortsfamilienbüchern Anerkennung gefunden – es wird auch von Hinterbliebenen in nah und fern oft genutzt. Aus Rückmeldungen ist uns bekannt, dass durch dieses Projekt verschollene Verwandte wiedergefunden werden konnten. Selbst Steinmetzbetriebe, Bestattungsunternehmen, Friedhofverwaltungen und Friedhofsgärtnereien wissen diese Dokumentation zu schätzen.“ (http://grabsteine.genealogy.net/)
Neben vielen kleinen, teils fast vergessenen Friedhöfen in Deutschland, macht vor allem Europas größter Parkfriedhof mit ca. 240.000 Grabstellen von sich reden. Ohlsdorf.
Ehrenamtliche Teilnehmer archivieren die Grabsteine in Bild und Text. Eine aussagefähige Datenbank lässt die Geschichten ganzer Generationen in unser Bewusstsein zurückkommen.
Ein unermesslicher Schatz, nicht nur für Genealogen und Angehörige.
Für die Stadt Leipzig habe ich jetzt das Projekt ebenfalls gestartet.
Einige kirchlich betriebene Friedhöfe haben sofort zugestimmt und werden nun nach und nach erfasst.
Für die kommunalen Friedhöfe wurde leider keine Genehmigung erteilt, so dass ca. 235.000 Grabsteine nicht im Gedächtnis der Menschen erhalten bleiben können. Sehr Schade.
Auch Schade für Diana Rabe. Mit 23 Jahren verlässt sie für immer unsere Welt.
20 Jahre und schon ein Ende.
©casus. 2013
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