Das Sterbewerk*_Episode #011 ‘Aus 640 mach 420 mach 15’

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

‘Aus 640 mach 420 mach 15’

Der letzte ‚richtige‘ Urlaub liegt einige Jahre zurück. Mit dem Mountainbike in die Hügelwelt von Menorca. Aktive Erholung pur und unbedingt zu wiederholen.
Danach waren Ausflüge in die Neuseenlandschaft rund um Leipzig schon halbe Weltreisen. Immer mit dem Telefon in der Hosentasche. Es konnte jeden Moment klingeln!

Dieses Jahr endlich sollte es ans Nordkap gehen. Ein Fleckchen Erde, das ich nur auf Bildern gesehen und in Filmen bewundert habe. Als Seemann muss man sich nicht über mangelhafte Reisetätigkeit beschweren. Einmal rund um die Scheibe und die Mauer mehr von der bunten als der grauen Seite gesehen. Ein Privileg ohne Privilegien – ja, das gab es schon.
Das Nordkap also, ganze zweitausend Kilometer noch bis zum Nordpol und doch ohne Sauerstoffflasche bequem mit dem Postschiff zu erreichen und nur zwischen Mitte Mai und Ende Juli bei Sonnenlicht zu bewundern. Ein Traum. Unser Traum.
Wer mich kennt, weiß, dass dieser Traum schon beizeiten geplatzt ist für dieses Jahr.
Hat mit dem Telefon in der Hosentasche zu tun. Die norwegische Post wird auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten von Fjord zu Fjord tuckern.
Bleibt ein Kurzausflug an die Ostsee. Ohne Hektik, ohne schlechtes Gewissen. Unser Stern ist in Drei Komma Nix zurück, wenn es sein muss. Hat auch mit dem Telefon in der Hosentasche zu tun.
So der Plan, so die Vorbereitungen, so weit, so gut. Bis heute Vormittag.

Noch einmal das Rad geschultert und quer durch Leipzig, vom Schönefelder Osten in den Leutzscher Westen, um einige unerledigte Dinge zu beenden und dafür zu sorgen, dass Leipzig 14 Tage ohne uns klarkommt. Der Himmel verspricht nichts Gutes, der Wetterbericht auch nicht. Egal.
Kaum 500 Meter in den Beinen, bereue ich, nicht doch das Auto genommen zu haben.

... wenn's kracht, bleibt das GPS stehen.

… wenn’s kracht, bleibt das GPS stehen.

Kurz vor der Berliner Brücke wechselt man als radfahrender Straßenbenutzer die Seite, weil der brückenunterführende Radweg nun mal links entlang führt. Gemeinsam genutzter Fuß- und Radweg sind an dieser Stelle fast vier Meter breit und ausreichend dimensioniert, um ganze Kolonnen durchzuschleusen.
Nicht so heute, denn der vor mir dahinradelnde Sonntagsausflügler hat urplötzlich die Anwandlung, doch ausgerechnet jetzt den Heimweg anzutreten – und dieser liegt, ihr ahnt es, in entgegengesetzter Richtung. Also Linksschwenk.

Als wir uns beide wieder aufgerappelt haben, hat er einen aufgeschlagenen Ellenbogen und einen blutigen Handballen. Und natürlich Recht. Der Opa ist bestimmt 70. Schon mal erlebt, dass man in diesem Alter Selbstkritik übt. Nix da, weder hinterm Lenkrad und offenbar auch nicht hinterm Radlenker.
Ich kümmer‘ mich trotz schmerzendem Knie und einiger Schürfstellen um seinen Arm. Es ist halb so schlimm wie es nach Lage der Dinge aussieht. Auch legt sich seine erste Erregung und siehe da, plötzlich besteht er nicht mehr darauf, dass ich ja hätte klingeln können, wenn ich an ihm vorbeifahre.

Macht das mal in natura; fahrt auf einem breiten Radweg und bildet euch ein, plötzlich wenden zu wollen. Ich hab‘s versucht und – na logisch – automatisch zunächst nach hinten gesehen, ob Platz dafür ist. Überlebenstrieb nennt man so etwas wohl.
Auch klingelt kein Mensch, der einen radelnden Mitfahrer in zwei Meter Entfernung passiert. Es sei denn, man ist immun für solche Bemerkungen wie „der Platz reicht dir wohl nicht?“.

Wie auch immer. Wer mit Tempo 20 gegen eine „Wand“ fährt, kann froh sein, Handschuhe und Helm getragen zu haben. Das Knie allerdings liegt inzwischen in Gips. Macht sich gut, wenn ich morgen mit steifem Bein hätte Gas geben können. Bleifuß nennen die Kilometerschrubber das.
Mein Telefon in der Hosentasche hat den Sturz nicht unbeschadet überstanden. Irgendwo in ein paar Meter Entfernung habe ich es aufgelesen und wieder zusammmengesteckt. Das fast neue Lumia 920 hat jetzt Schrottwert. Danke Tino, aber ich benötige ein neues …

Aus Neupreis mach Freundschaftspreis mach Schrottwert.
Aus 640 mach 420 mach 15.
Urlaub macht auch zu Hause Spaß.
©casus. 2013


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