Stürmische Zeiten.

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

‘Stürmische Zeiten’

Da draußen ist Weltuntergang.
Könnte man meinen, wenn, wie heute gerade, Nachrichten und Fensterblick übereinstimmen. Die extra wetterfest eingekleideten Reporter werden direkt aus der Reservatenkammer an die aufgeweichten Deiche im Umland geschickt, um ja nicht den Moment des Flutens ganzer Landstriche zu verpassen. Anwohner und Betroffene schnell noch interviewen. Sie erinnern sich, wie schlimm es früher schon einmal war. „So hoch stand das Wasser.“ – Sie schauen zur Kirchturmspitze.
Niedertrebnitz ist so ein Wallfahrtsort in regenreichen Katastrophenzeiten. Die Ortschaft liegt ungeschützt im Flutungsbereich mehrerer Nebenarme der Weißen Elster und dient als Ventil, wenn Obertrebnitz Entlastung benötigt.
Selbsternannte Einsatzleiter legen fest, wann der Schalter umgelegt wird.

Im knapp entfernten, vor Wetterunbilden gut geschützten Leipzig, hat es die letzten Stunden ebenfalls mächtig gestürmt. Himmel und Erde waren sich wohl nicht einig. Die dunkle Nacht konnte den Konflikt nicht kaschieren. Alle Nase lang Sirenengeheul und selbst Anne im entfernten Zwickau wurde am Sonntagmorgen mit Unwetteralarm aus dem Bett geholt.

Ich lausche aus meiner sicheren Behausung den mächtigen Naturgeräuschen, wo sich Windböen, Regenpeitschen und gewaltiges Blätterrauschen abwechseln.
Das Wetter kann mir nichts anhaben. Fenster zu, Affe tot. Ich geh heut nicht mehr aus dem Haus.

Affe? Affe tot? – So eine blöde Redewendung. Es gibt in der Stadt gar keine Affen. Selbst in der Wildnis sterben sie aus. Nur Zoodirektor Hasenfuß hält sich noch ein paar Exemplare. Hinter Gittern. Die Affen.

Mir kommt eine geniale Idee.
Jetzt, da ich sowieso warten muss, bis die Straßen wieder begehbar sind ohne dass man gleich durch die Luft gewedelt wird, jetzt ist der richtige Moment für eine Zeitreise. Eine von denen, die laut Einstein gar nicht so unbedingt machbar sind. Eine in die Vergangenheit. Laut Theorie ist es relativ unmöglich, zurückzureisen. Meinte der ungekämmte Wirrkopf.
Mich schert das Geschwätz aus dem letzten Jahrhundert jedenfalls nicht. Ich reise. Ich schau mir an, wie die ersten Menschen ihr mühsam entfachtes Feuer vor Wind und Sturm und Regen behüten, wie sie sich vor den Fluten der Urzeit in Sicherheit bringen und wie sie die Affen lehren, rechtzeitig auf sicheren Bäumen Schutz zu suchen.

Ich biege die Zeit bis die beiden Enden des Zeitstrahls sich ähnlich einem Hufeisen ganz nahe sind und schlüpfe durch mein ganz persönliches Wurmloch auf die andere Seite. Einstein hätte seine wahre Freude an mir gehabt. Ein guter Schüler lernt von seinem Lehrer, ein besserer Schüler widerlegt ihn.

Um mich herum wird es plötzlich ganz einsam.
Keine Straßen, keine Häuser, keine Stadt. Und das Schlimmste, keine Menschen. Auch von Wind und Wasser ist nichts zu spüren. Vor mir liegt die friedliche Wildnis einer undefinierten Vorzeit.

Urmenschen über die Schulter gucken – ha, Fehlanzeige.
Da muss ich wohl ein paar Tausend Kilometer zu Fuß auf Suche gehen, um eine kleine Horde vor ihrer Höhle aufzuspüren und aus sicherer Entfernung beim Kampf ums tägliche Dasein zu beobachten.
Das ist mir jetzt zu mühsam, denn zu Hause werden die ersten Leute wach, setzen Wasser an, kochen Sonntagmorgenfrühstückseier und brühen leckeren Kaffee auf.
Auch mein hufeisengebogenes Zeitstäbchen droht vor lauter Spannung zurückzuschnellen. Es wird Zeit. Ich muss zurück.

Ein kurzes Schütteln und das Wurmloch hinter mir hat sich aus seiner stabilen Phase wieder ins Nirwana verabschiedet.
Das Wetter dagegen ist noch immer ungemütlich, aber es duftet nach frischen Brötchen und süßer Marmelade. Ich bin zu Hause.

Mein Sonntagausflug zu den höhlenbewohnenden Überlebenskünstlern war wenig erfolgreich. Ich hab sie schlichtweg verpasst. Ich muss das besser koordinieren. Beim nächsten Mal.
Oder ich zieh Einstein eine Plastiktüte über den Kopf.
Die besten Schüler haben gar keinen Lehrer.
©casus. 2013


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