[Hanse Sail (2)] …Wasser an Bord! [podcast]

Was für einen Seemann der alltäglichste Alltag, ist für das Landei sicherstes Anzeichen drohender Apokalypse. Seit Tagen Wasser von oben, Wasser von unten, trockene Plätze gibt es nur noch unterm Fingernagel, falls diese nicht schon von Dreck okkupiert sind.
Als Captain Bligh 1787 von Seiner Majestät der britischen Admiralität nach Tahiti geschickt wurde, eine Schiffsladung Früchte des Brotfruchtbaumes in die britischen Kolonien auf den Antillen zu bringen, herrschte jedenfalls eitel Sonnenschein. Wasser war eher Mangelware und es musste erst viel später und mit zunehmender Reisedauer täglich neu entschieden werden, bekommen die Pflanzen oder die Besatzung einen Schluck der Reserven ab.
William Bligh, zu Reisebeginn gerade mal im Range eine Lieutenants, hatte immerhin eine kurze Karriere als Steuermann unter James Cook hinter sich und bereiste mit dem berühmten Seefahrer unter anderem auch Tahiti, war also ein alter Hase in der Karibik.
Die restlichen 45 Mann Besatzung rekrutierten sich aus Fahrensleuten, die Bligh aus gemeinsamen Unternehmungen bereits kannte, so auch Master Mate Fletcher Christian, und Freiwilligen, die als Decksmatrosen und Hilfspersonal anheuerten. Paradiesvogel der bunten Besatzung war der fast erblindete indische Geigenspieler Michael Bym, der für gute Stimmung und Unterhaltung auf der harten Reise sorgen sollte. Was sich als Fehler erwies, denn die geschundene Besatzung hätte lieber eine kräftige Hand mehr an ihrer Seite gehabt als einen halbblinden Nichtsnutz, nach dessen Pfeife, sorry, nach dessen Geige man auch noch tanzen sollte.
Am Weihnachtsvorabend 1787 stach die Bounty dann endlich in See, vor ihr eine Reise ins Ungewisse, denn außer der veranschlagten Route vorbei an Kap Hoorn nach Tahiti, dann mit den Pflanzen über das Kap der Guten Hoffnung in die Südsee zu den Antillen, war der Rest ein Himmelfahrtskommando. Unbekannte Küsten mussten in königlichem Auftrag karthografiert werden und ob Wind und Wetter von der mit knapp 40 Meter langen und damit recht kleinen HMS Bounty bewältigt werden konnten, war keine ausgemachte Sache.
Bligh muss dies von Anfang an klar gewesen sein, denn im Gegensatz zur Hollywood-Verfilmung ‘Meuterei auf der Bounty’ war er ein eher zurückhaltender Captain, der Widerspruch in der Besatzung nur selten und nur bei wenigen Ausnahmen züchtigen ließ, was idealerweise bei zwei Dutzend Hieben mit der Neunschwänzigen auf den nackten Rücken eine schmerzhafte Tortur für den Deliquenten war.
Mehrere Faktoren ließen die Stimmung an Bord auf den Nullpunkt sinken. Das schlechte Wetter tat ein Übriges, rationierte Lebensmittel und Meinungsverschiedenheiten der Offiziere, die offen ausgetragen wurden und natürlich zugunsten des jeweils Ranghöheren endeten.
Der Nährboden für die wohl bekannteste Meuterei der zivilen Seefahrt war bereitet.
Apropos zivil: Darüber streiten noch heute die Gelehrten, war die Bounty ein HMS, ein ‘His (Her) Majesty’s Ship’ oder ein HMAV, ein ‘His (Her) Majesty’s Armed Vessel’. Für beide Bezeichnungen finden sich genug ‘Beweise’ und gute Gründe. Ich schließe mich nach dem gestrigen Besuch der im Hollywood-Auftrag nachgebauten Bounty ersterer Version an, mit den kleinen Bordkanonen, jeweils Steuer- und Backbord fünf Halbpfünder, konnte man auch im auslaufenden 18. Jahrhundert keinen Staat und erst recht keinen Kampf auf See gewinnen.
Lassen wir die Geschichte an dieser Stelle dort wo sie gut aufgehoben ist, in den Archiven Ihrer Königlichen Admiralität und den Filmrollen der US-amerikanischen Hollywood-Fabriken.

Über 200 Jahre später, am 9. August 2011 macht erstmals eine ‘Bounty‘ am Rostocker Warnowkai fest. Fernab von Seeräuberromatik und Südseeflair sind Captain Robin Walbridge und Besatzung mit dem rauhen Mitteleuropaklima konfrontiert. Inmitten einer beeindruckenden Flotte von Traditionsseglern, dem Markenzeichen der Hanse Sail, ist die ‘Bounty’ von Beginn an der Liebling tausender in- und ausländischer Besucher und Neugieriger.

Ich hatte Dank Unterstützung der Pressestelle im Stadthafen und Dank eines trotz Dauerregens gut gelaunten Captains die Möglichkeit, den Master aller Hollywood-Legenden ausführlich zu seiner Person, seinem Idealismus und zu seiner Seiner Majestät Schiff zu befragen. “Komm,’ spring rüber min Jung” ermunterte er mich in seiner Landessprache über die Bordwand hinweg. Was ich mir nicht zweimal sagen ließ und mit einem gewagten Satz über das mannshohe ‘Do not enter’ war ich schon auf den Brettern, die einst Marlon Brando mit fester Hand und strengem Regime in die Südsee schipperte. Wie wurde Robin Walbridge zum Kapitän dieses berühmten Holzkutters, wollte ich wissen:

[podcast]

Die ‘Bounty’ wird uns also noch bis Montag erhalten bleiben. Wer Lust und Zeit oder Beides hat, dem empfehle ich unbedingt einen Besuch, denn das ‘Do not enter’ weicht für die offizielle Liegezeit während der Hanse Sail einem freundlichem ‘Please come in’, einzig die Fahrt unter Segeln bleibt ein Wunschtraum. Kann ja auch nicht jeder ein Marlon Brando sein, wo kämen wir dann hin?
(c)casus. 2011

Das komplette Interview mit weiteren Berichten von der Hanse Sail 2011 in der Sondersendung auf rockradio.de.


Entdecke mehr von cc_blog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.