Der Politische Asche-Mittwoch, Folge 3
Der Politische Asche-Mittwoch, Folge 3 – ‘Atomkraft – Flucht aus dem Segen‘

Die Erinnerung aus Kindheitstagen dürfte der eine oder andere ebenfalls haben; man geht mit einem Streichholzschachtel großen Stück Materie zur Arbeit und daraus gewinnt man die Energie für ein ganzes Jahr, passt sozusagen in die Aktentasche, in der auch das Frühstücksbrot mitgenommen wird.
Im Laufe der Jahre stellten wir jedoch fest, dass es so einfach wohl doch nicht ist und 1986 holte uns unsere eigene Tollkühnheit auf schmerzliche Weise ein. Papis Frühstücksbrot flog in die Luft und mit ihm eine ganze Region in der nördlichen Ukraine, mit atmosphärisch bedingten Auswirkungen weltweit.
Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gewinnen wir elektrischen Strom teilweise aus Kernenergie. Genauer aus Kernreaktionen, noch genauer aus der Kernspaltung vor allem hochangereicherten Urans. Die Gewinnung verwendungsfähigen Urans ist teuer, die radioaktiven Abfälle haben Halbwertzeiten von vielen Jahrzehnten. Klingt wenig praktikabel.
Die Entwicklung von Kernfusionsreaktoren dagegen stagniert auf niedrigem Niveau und fällt als Energiegewinnquelle wohl noch auf Jahre hinaus aus, trotz der höheren Anlagensicherheit und weniger langlebigen radioaktiven Abfalls.
Die Rahmenbedingungen für den friedlichen Einsatz von Energiegewinnung aus Atomkraft sind also Anfang des 21. Jahrhunderts eher ungünstig.
Das Streben der Betreiber und sonstigen Steuergewinnler nach maximalem Unterm-Strich-Ergebnis bedingt minimalste Wartung, schlechtest und gerade noch so notwendige Sicherung und politisch ungewollte Endlagerung. Vor allem aus diesen Gründen ist der Bau und Betrieb von Kernkraftwerken umstritten und gefährlich. Der länderübergreifende Killeraspekt, Stichwort internationaler Terrorismus, und tektonische Erdgegebenheiten sind ebenfalls Anti-Betreib-Argumente.
So hat die eigentlich sauberste Energiegewinnung, die die Menschheit bisher beherrscht, wohl kaum eine Chance in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungsstufe.
Doch auch die Alterantiven sind eher weniger berauschend: Der Abbau und Förderung fossiler Rohstoffe (Kohle, Erdöl, Erdgas…) scheint nicht endlos (trotz abiotischer Theorie des nachwachsenden Erdöls), das Zupflastern ganzer Landstriche und küstennaher Offshore-Gebiete mit Windrädern in Vogelflugschneisen ist eher unansehlich denn wirklich nachteilig, Sonnenkollektoren müssen für einen akzeptablen Wirkungsgrad immer in die gleiche Richtung schauen, Wasserkraft ist nur kräftig, wenn riesige Ströme entgegen ihrer natürlichen Flussrichtung umgeleitet, in Vorhaltebecken gesammelt und gezielt wieder losgelassen werden, Erdwärmegewinnung (Geothermie) geht nur mit tiefen Pieksern in die obere Erdkruste, machbar, aber noch in den Kinderschuhen und ohne Langzeiterfahrung. Wo also liegt die Lösung?
Verzichten? – Oschek, der rührige Kämpfer für das Gute im Menschen hat eine facebook-Gruppe ins Leben gerufen “Ich kann verzichten” mit dem Ziel, den Energiebedarf zu senken. Sicher ein Ansatz, aber keine wirkliche Lösung. Denn Fortschritt ist nun einmal unweigerlich mit steigendem Energiebedarf verbunden. Meine Gedanken dazu hier: facebook
Da scheint es fast schon eher möglich, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer sicheren friedlichen Nutzung auch ansonsten angreifbarer Energiequellen zu schaffen. Scheint! Denn wirklich umsetzbar ist es nicht; nicht mit einer auf Maximalprofit orientierten Wirtschaftsordnung, nicht mit einer daraus politisches Kalkül betreibenden Parteiengarde, nicht mit einer Steuern schluckenden Expansionspolitik und letztlich nicht mit satten Erdenbürgern, die noch immer glauben, der Strom käme aus der Steckdose.
Doch es gibt zarte Anzeichen einer klitzekleinen Kehrtwende. Das interaktive Zusammenrücken der Netzgemeinde, heute schon ca. ein Drittel der gesamten Menschheit, wenn man einmal die den “Nur-den-Otto-Katalog-aufschlagenden-und-deshalb-das-Internet-nutzenden” Hausfrauen vernachlässigt, wird unsere Hinterzimmerstrukturen aufbrechen. Über kurz oder lang, eher über kurz, werden Portale wie wikileaks, netzpolitik.org, private blogs, die in Echtzeit berichten, twitter- und facebook-ähnliche Portale das Nachrichten-Gewaltmonopol erobern und die gesamte Informationspolitik umkrempeln. Dieser Prozess hat längst begonnen, wir sind mittendrin. Mit der Macht der (manipulierten) Information stirbt aber auch die Macht der Herrschenden (Stichwort Herrschaftswissen). Wo diese Entwicklung letztlich hinführt und wo sie möglicherweise endet, ob sie sich im Zick-Zack bewegt (Jürgen Kuczynski) oder vielleicht doch in einer Sackgasse endet, all das steht in den uranverseuchten Sternen. Aber die holen wir ja jede Nacht unseren Liebsten auf die Erde.
Wir tun!
(c)casus.
Die Karikatur wurde mir freundlicherweise von Harm Bengen zur Verfügung gestellt.
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