Liebe, Eifersucht und Tod


Italienische Oper mit Migrationshintergrund im Paris des 19. Jahrhunderts
Wer Puccinis La Bohème in der 1991 für die Oper Leipzig inszenierten Fassung Peter Konwitschnys noch nicht kannte, der hatte am ersten Weihnachtsfeiertag 2010 letztmalig die Gelegenheit, diese eigenwillige Version zu sehen, zu hören und zu lesen.
Eine Oper mit Untertiteln, eigentlich eher Obertiteln. Aufgeführt wurde das Original-italienische Libretto mit deutscher Schrifttafel für Nichtitaliener und Schwerhörige. Eine sich langsam durchsetzende Idee mit allerdings stark ablenkendem Charakter; man muss sich permanent entscheiden, liest man den unter der Decke mitlaufenden Text oder konzentriert man sich auf die Handlung im Pariser Millieu Anfang des 19. Jahrhunderts. Beides für sich hat seine Reize, beides gemeinsam allerdings eher weniger.
Der Opernfreund muss pünktlich sein, schlechtes Wetter bei Anreise, Schnee in der Fahrspur und vereiste Oberleitungen oder zugefrorene Weichen bei Bahn und Bus gelten nicht als Ausrede; La Bohème beginnt ohne Overtüre! Also nichts für Soldi und Jens aus dem Weihnachtswunderland im Erzgebirge. Die Anreise hätte kaum funktioniert und so ist casus mit Sohnemann und Freunden zu unerwartetem Kunstgenuss gekommen. Danke ihr WunderbunTDen!
Doch zurück zur Handlung.
Die Mansarde Rodolfos ist in Leipzig eher eine spartanisch möblierte Pariser Tiefebene, die unbeheizte Dachwohnung spürt man fast bis in die vorletzte der 20 Parkettreihen und erst als Mimi klingelt, weil sie für neues Licht für die im Treppenhaus erloschene Kerze nachsucht, kommt ein wenig Wärme in das eher mäßig besuchte Leipziger Opernhaus.
Mimi, heute gesungen und gespielt von der Schwedin Marika Schönberg. Doch auch sie hat ähnlich Ausrine Stundyte, der Mimi in den 90ern an der Oper Leipzig, eine Schwäche fast aller Mimis: Trotz schwindsüchtiger Tuberkulose singt sie klar und kräftig in die Pariser Nacht. Man ist fast geneigt, ihr den nahen und im vierten Akt auch eintretenden Tod nicht abzunehmen. Aber erklär mal einer Frau, dass sie auch ohne laute und kräftige Stimme wirken kann! Unabhängig davon wirkt die gesamte Inszenierung auf den zugegebenermaßen nicht perfekten Opernkenner phantastisch; für mich am überzeugendsten am gestrigen Abend der Kinderchor der Oper bzw. des Gewandhauses Leipzig, der im zweiten Akt die Drehbühne zum Erlebnispark im winterlichen Paris werden lässt. Hier hat das Theater wohl bereits seinen fulminanten Höhepunkt.
Die Leipziger Inszenierung hat noch einige weitere Besonderheiten, deretwegen ein Opernbesuch sich durchaus lohnt: So kann die freizügig-liebende Musetta, gespielt von Viktorija Kaminskaite, theatralisch im Parkett, quasi mitten unter den Besuchern, ihr Solo defilieren. Ähnlich einem Catwalk der Pariser Modesalons verläuft dieser Laufsteg mitten in den Raum zwischen Orchestergraben und Opernparkett.
Das gleiche optische Detail wird eingesetzt, wenn im dritten Akt die Unendlichkeit der Pariser Landschaft bis hin zum Horizont verlängert wird. Wie eine Laternenbeleuchtung entlang einer nicht enden wollenden Chaussee brennen tief hängende antiquarische Deckenlampen vom Zuschauerraum bis hinter die Kulissen. Sparsam beeindruckend!
Was bleibt?
Die Oper Leipzig ist zu unrecht in den Negativschlagzeilen um fehlende Publikumsnähe und künstlerische Qualität. Man muss nur bereit sein, sich auch am Weihnachts-Ersten-Feriertag einem kurzfristig angebotenen Kulturbesuch gegenüber zu öffnen. Schon deshalb ist Weihnachten gerettet. Danke Soldi und Jens.
Foto: Archiv. Quelle: unbekannt (wer kann helfen?)


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