Marek ohne Vacek – Das Klavier ist weiblich!


Marek ohne Vacek – Das Klavier ist weiblich!
Die Finger sausen noch immer mit atemberaubender Frequenz über die ganzen und halben Tasten und wie eh und je kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich dabei unweigerlich verheddern. Aber nichts dergleichen, Marek Tomaszewski ist ein Meister seines Fachs und ein Vollblutmusiker dazu.
Wo andere Nocturne Op. 9 Nr. 1 spielen, variiert Tomaszewski mit Rhythmus und Harmonie des Originals und lässt Chopin damit unfreiwillig zum Vorläufer des Blues avancieren. Anspieltipp: Nocturne Blues.
Wie Marek Tomaszewski überhaupt kaum ein Musikstück aus der Schublade des musikalischen Menschheitserbes hervorholt, sondern konsequent eigene Gedanken und Modifikationen implementiert. Ob gleich zu Beginn bei Variationen über das Prélude in C-Moll von Frédéric Chopin bis zum Höhepunkt des fast 2-stündigen Abends in der Leipziger Theaterfabrik, dem 24. Capriccio von Nicolo Paganini, das mit Scott Joplins bekanntestem Ragtime "Maple Leaf Rag", Maurice Ravels Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand, Chatschaturian und einer Tarantella von Rossini schließlich im Musical "Grease" mündet; ein wahrhaftes Feuerwerk auf dem extra für den Meister angelieferten Flügel.
Bei Tomaszewski muss das Instrument weiblich sein; er behandelt es zaghaft, fast zart, mit den geübten Fingern, er ist kein Jerry Lee Lewis, der es mit Ellenboden, Füßen und dem Hintern traktiert, aber er foltert es auch wie eine Hure mit nicht enden wollendem Speed zum Beispiel beim Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms, den man zwar am Thema noch erkennt, der aber mit virtuosem Spielgewinn von keinem Solisten weltweit wohl so gespielt wird.
Wer glaubt, hier kramt ein alter Mann noch einmal seine musikalischen Erinnerungsstücke aus, um aus dem gesicherten französischen Exil ein paar Konzerte zur allgemeinen Langweile beizutragen, der irrt gewaltig. Marek Tomaszewski hat es nach dem frühen Tod seines Duo-Partners Vacek (Wacław Kisielewski) und der Ausweisung in die Bundesrepublik nach seiner öffentlichen Sympathie für die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in unser Nachbarland verschlagen, hier findet er die Ruhe und Muse zur Solo-Arbeit im Studio und mit den verschiedensten Orchestern. Als er den Kontakt zu Walter Kahl, dem Freund und Manager aus Marek & Vacek-Zeiten aufnimmt, reift der Entschluss, mit einer Solo-Karriere die Fans und Musikliebhaber weltweit zu erreichen und erneut auf Konzerttournee zu gehen. Walter Kahl hat heute eine Musikagentur in Köln, die KC Walter Kahl Communications. Der Ansprechpartner bei allen Fragen und Wünschen rund um den polnischen Ausnahmemusikanten.
Der Abend in Leipzig endet wie er begonnen hat, mit minutenlangem Applaus in der nahezu vollständig gefüllten Theaterfabrik und erst nach zwei Zugaben und einer musikalischen Gedenkminute für den noch immer – virtuell – präsenten Vacek.
rockradio.de war eingeladen zum Gastspiel am 21.11.10 und wir werden im Dezember mit musikalischen Erinnerungsstücken aus den vorliegenden Tomaszewski-CDs und historischen Aufnahmen von Marek & Vacek vom Konzert berichten.
Es ist unglaublich; das Klavier ist weiblich!


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